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Konzert: Sinfoniekonzert mit Saxofon und besonderer Aura

Konzert : Sinfoniekonzert mit Saxofon und besonderer Aura

Die Niederrheinischen Sinfoniker und „Clair-Obscur“ spielten unter der Leitung von Diego Martin-Etxebarria. Über allem schwebte eine spezielle Stimmung.

Irgendwie — wie genau das kann man vielleicht gar nicht so im Detail beschreiben — kamen bei dem jüngsten Sinfoniekonzert mit den Niederrheinischen Sinfonikern Schwingungen aus den 20ern auf. Gut, wir sind momentan in den 20ern, und sehr gerne werden ja auch Parallelen zu der besonderen Dekade des 20. Jahrhunderts gezogen, aber diese Stimmung, diese Aura entspross aus anderem Ursprung, war sie auch nur wie ein sanfter Hauch.

Zwischendurch wurde
es auch sehr jazzig

Aber genug der Andeutungen — wir wollen dieses Gefühl gerne erläutern. Offensichtlich nach den guten alten Twenties duftete schonmal die solistische Besetzung dieses Konzertes. Hat doch das Saxofon immer auch eine entsprechende, gerne mitschwingende Konnotation an verrauchte Kneipen aus dem Amerika jener Epoche. Und eben jenes Instrument, gleich vierfach als Quartett, verlieh schon einmal dem Konzertstück des Abends unter der Leitung von Diego Martin-Etxebarria eine besondere — für klassische Konzerte eher ungewöhnlich timbrierte — Stimmung.

Bob Mintzer — geboren 1953 — hat ein unterhaltsames Werk mit dem Titel „Rhythm of the Americas“ geschaffen, das sich in vier Sätzen musikalischen Zutaten amerikanischer Kultur widmet. Mal klingt es afrokaribisch, Jazzig oder auch nach Ursprüngen aus europäischer Kultur. Das Quartett Clair-Obscur — das sind Kathi Wagner, Christoph Enzel, Maike Krullmann und Jan Schulte-Bunert — interpretierte die etwas stereotypen musikalischen Episoden mit viel Esprit.

Wenngleich ihnen bisweilen die Akustik des Seidenweberhauses — sie neigt zu einer unschönen Verstärkung — und die etwas forsche Begleitung durch die sonst sehr emotional spielenden Niederrheinischen Sinfoniker einen Strich durch die Rechnung machten. Manchmal gerade bei den Tutti-Stellen — wo Solisten und Orchester zeitgleich spielen — hätte man sich deutlich mehr Gespür für einen dosierten und bedachten Mischklang vom Dirigenten, der ja das Orchester durch die Schluchten der Akustik zu lenken hat, erhofft. Obzwar andererseits Etxebarria ein ordentliches Gespür für treffende Tempi hat — also die Geschwindigkeit, in der die Musik abläuft und die zu den wichtigsten Faktoren des Gelingens von musikalischer Ästhetik zählt. Dennoch gelang es den Saxofonisten, vor allem in ihren Soli ein Fluidum zu evozieren, das für spürbare Begeisterung sorgte.

Für richtigen Jubel indes sorgte ihre poetisch choreografierte Zugabe mit einer schön arrangierten Version von Piazzollas „Libertango“.

Doch mit feinfädig losen Andeutungen in die Klanglichkeit der 20er Jahre war hiermit noch nicht Schluss. Vor dem Solo-Konzert hatten die Sinfoniker nämlich tatsächlich Musik gespielt, die in ihrer Klanglichkeit ganz aus jener Zeit stammt — auch rein historisch. Heitor Villa-Lobos schrieb seine Dança Frenética 1919. Einen „frenetischen“ Tanz, den die Interpreten mit deutlich schaumiger Kraft in den Konzertsaal zauberten. Wenngleich auffiel, dass es hin und wieder ein bisschen kleckerte — manches, was schärfer und konturierter hätte gestaltet werden können, wirkte weniger fokussiert, als man es von einem Orchester, das es eigentlich sehr gut kann, erwarten würde. Hier und übrigens auch bei dem symphonischen Werk des Abends, könnte man vermuten, dass der souveräne Kapellmeister Etxebarria mehr Wert auf das Heraufbeschwören von Stimmungen und musikalischen Gesamttableaus legt, als auf Detailreichtum.

Und damit wären wir bei dem dritten Teil. Mit einer Musik, die, wenngleich das Werk schon 1897 entstand, durchaus klangliche Assoziationen die an die 20er erinnern, vorwegnimmt. Paul Dukas — einem breiten Publikum bekannt durch seinen „Zauberlehrling“ schuf eine Sinfonie in C-Dur, die so wirkt, als würde der Komponist stets etwas versprechen, vorbereiten, sich aufbäumen, um etwas Gewichtiges zu sagen, es aber dennoch nicht tut. Was das bedeutet? In seinem dreisätzigen Werk hat der Komponist eine überaus beeindruckende Palette an orchestralen Höhepunkten, an Steigerungen und Herleitungen zusammengefügt. Doch eingängige und susbstanzreiche Motive sind rar. Die harmonisch motivischen Konstellationen, die aufhorchen lassen, indes sind sehr reizvoll, sprechen eine Sprache, die einen wirklich sogar schon an die 20er erinnert. An Stummfilmmusik aus Filmen wie Metropolis. Immer auch mit einem Hauch Magie und dennoch ganz und gar akademisch in der Umsetzung. Kein Wunder, dass Dukas später ein gefeierter Kompositionsprofessor wurde.

Die Sinfoniker spielten auch hier mit gut sitzenden Tempi und einer schön ausgeformten Klangsprache — aber eben auch hier galt: Mehr bewusste Balance zwischen den schön spielenden Holzbläsern, den etwas dick auftrumpfenden Blechbläsern, die mit schönen Soli entschädigten und den Streichern wäre durchaus hilfreich für diese Musik gewesen. Und ein bisschen mehr Augenmerk auf schön ausgeformte Phrasen, insbesondere in den etwas verhuschten Läufen. Aber vielleicht gerade aufgrund des — ob nun gewollten oder ungewollten — Weichzeichners entspross aus der Partitur eine absolut faszinierende Aura, die eben seiner Zeit, der des Stückes — voraus war.

An dem Abend gab es auch ein Konzert der Musikschule

Übrigens. Vor dem Konzert gab es den ersten Debüt-Abend im kleinen Saal des Seidenweberhauses mit Schülerinnen und Schülern der Musikschule — auch hier stand neben der „Vogelkantate“ von Mathhieu das Saxofon im Fokus.

Schüler von Oliver Hirschegger spielten unter anderem „Blow“ von Perry Goldstein.