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Krefelder spielt seit mehr als 30 Jahren St. Martin

Brauchtum : Eine Familie liebt St. Martin

Werner Bissels spielt seit mehr als 30 Jahren beim Martinszug des Bürgervereins Kliedbruch den Bischof. Doch damit nicht genug: Seine Frau Marita sammelt für den Umzug Spenden, Sohn Steffen spielt den Bettler.

Was macht ein Bürgerverein, wenn ihm ganz plötzlich der St.-Martin-Darsteller abspringt? Klar, einen Neuen suchen. Und wenn man die Möglichkeit hat, unter vielen älteren Bewerbern einen Jüngeren an den Start zu schicken, ist die Wahl eine leichte. So kommt es, dass Werner Bissels am 4. November 1987 zum neuen St. Martin des Kliedbrucher Zuges wird.

„Eigentlich hat Pastor Quirmbach damals den St. Martin gemimt, doch als er plötzlich verhindert war, war Holland in Not“, erinnert sich Bissels. Mit dem heute 69-Jährigen war aber ein vitaler Kandidat schnell gefunden – sehr zur Freude des Bürgervereins. Doch was des einen Freud ist, ist des anderen Leid. „Mir schwirrte damals ganz schön der Kopf. Bis zum Martinszug war es nicht mehr lang. Zur Erinnerung: Der Bürgerverein entschied sich für mich am 4. November 1987. Ich musste meine Reitkenntnisse auffrischen, da ich als Jugendlicher das letzte Mal auf dem Rücken eines Pferdes saß. Das bedeutete, dass ich öfters ‚Probesitzen’ musste“, erzählt Bissels.

Gänsewagen und Geschichten über den heiligen Bischof

Außerdem verkleide sich der St. Martin im Kliedbruch nicht nur. Er schüttele Kinderhände und müsse sogar eine Geschichte erzählen. „Der Umzug bei uns ist ziemlich aufwendig. Damals war das von jetzt auf gleich ganz schön viel. So wusste ich zum Beispiel gar nicht, was ich den Kindern erzählen soll.“ Hilfe bekam Bissels von Paul Sürder, einem ehemaligen Vorstandsmitglied, der ihm in schönster Süterlinschrift auf vier Seiten eine Rede schrieb. „Die Rede habe ich bis heute noch“, sagt er und zeigt auf die leicht verblichenen Seiten.

Natürlich musste Bissels auch ein wenig die Geschichtsbücher wälzen. So erklärt er, warum zum Beispiel der Gänsewagen in Kliedbruch eine große Rolle spielt: „Martin, der damals Soldat war, sollte zum Bischof geweiht werden. Doch weil er sich als einfachen Mann sah und nicht als Bischof, versteckte er sich bei den Gänsen im Stall.“ Aus diesem Grund gibt es beim Zug neben der Musikkapelle auch einen Gänsewagen.

Die Vorbereitungen liefen bei Bissels also direkt vom ersten Tag an. Doch gegen das Lampenfieber bei seiner Martinszug-Premiere war er machtlos. „Als ich mich bei einem Vorstandsmitglied kurz vor dem Zug umzog, musste ich zwei Cognac trinken, um mich zu beruhigen“, erinnert sich der Kliedbrucher.

„Allerdings half er nicht wirklich und aus den selbst gebastelten Fackeln wurden während meiner Rede selbst gebackene.“ Ein Lachen kann er sich da nicht verkneifen. Das er als St. Martin nun seit 31 Jahren auftritt, bringt Bissels zum Staunen. Auch wenn der Anfang damals ein wenig holprig war, etwas Schöneres kann er sich nicht vorstellen. Und weil ein Martinszug im Team noch viel mehr Spaß macht, unterstützen ihn seine Frau Marita und sein Sohn Steffen bei der Fortführung des Brauchtums.

Während der Nachwuchs den Bettler spielt, sammelt die Frau des Hauses bereits seit mehr als drei Jahrzehnten Geld für den Zug. Schließlich wollen am Tag vor dem Martinszug an die 600 Tüten befüllt werden. Dafür geht sie in ihrem Stadtteil von Tür zu Tür. „Viele kennen mich ja schon und wissen, um was es geht“, sagt sie.

Ungefähr einen Monat vorher, nach der Sitzung des Bürgervereins, würde mit den Vorbereitungen begonnen. „Das bedeutet viel laufen und organisieren“, weiß Marita Bissels, deren Leidenschaft für St. Martin aus der Familie stammt. Beim Zug nicht zu helfen, wäre für sie unvorstellbar.

Genauso wie für Werner Bissels. „Auch wenn ich mir wünsche, dass mein Sohn die Rolle irgendwann übernimmt, so bin ich doch noch gesund und voller Elan. Es kann für mich also noch ein paar Jahre lang weitergehen“, findet er und bereitet sich mental schon einmal auf seinen Auftritt am Freitag, 16. November, vor.