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Wo ist Düsseldorfs Grüne Welle hin?

Verkehr : Wo ist Düsseldorfs Grüne Welle hin?

Immer mehr Faktoren nehmen in der Landeshauptstadt negativen Einfluss auf die freie Fahrt für den Individualverkehr.

Es gab Zeiten, da waren die Düsseldorfer stolz auf ihre Grüne Welle. Auf die Tatsache, dass auf die eine Ampel im dichten Dickicht des Landeshauptstadt-Verkehrs, die Grün und damit freie Fahrt anzeigte, gleich die nächste folgte. Und dann wieder die nächste. Das alles koordiniert als verkehrsstrukturelle Maßnahme mit der Maßgabe: Nur fließender Verkehr hebt die Lebensqualität und stößt weniger Gifte aus. Düsseldorf war für den motorisierten Individualverkehr attraktiv, die Welle in Düsseldorf sei die beste Europas, hieß es. Und ist es nun immer weniger.

Das spiegeln uns Leser und – natürlich – auch mancher Politiker, der neben inhaltlichem Interesse den Wahlkampf im Blick hat. Das Thema aber macht es nicht uninteressanter: Die Grüne Welle hat offenbar gelitten. Gefühlt, weil die Fahrt von Ampel zu Ampel kein Vergnügen mehr ist – und die Abschaltautomatik auf Hochtouren läuft. Aber auch evident: Wie die Stadt auf Anfrage unserer Redaktion mitteilte, ist die gefühlte Wirklichkeit eine reelle. Zwar werde die Koordinierung zu den benachbarten Ampelanlagen berücksichtigt, wenn eine Signalsteuerung überarbeitet wird, heißt es von einem Stadtsprecher. Das aber habe seine Grenzen: Verkehrsauslastung, neue gesetzliche Vorgaben und der im Zuge der anvisierten Verkehrswende immer wichtigere Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) sorgen für immer mehr Aussetzer der Grüne-Welle-Priorität. „Eine Grüne Welle funktioniert nur bis zu einem gewissen Auslastungsgrad einer Straße. Ist dieser Grad überschritten, ist eine geschaltete Grüne Welle nicht mehr wirksam“, sagt der Sprecher. Und folgert: In den vergangenen Jahren habe der Verkehr in Düsseldorf konstant zugenommen, so dass hier die Streckenzüge, in denen eine Koordinierung geschaltet ist, ausgelastet seien. In Düsseldorf sind rund 275 000 Pkw zugelassen. 210 000 Pendler nutzen zudem das Auto auf dem Weg zur Arbeit.

Eine Grüne Welle im Rahmen „der technischen Möglichkeiten“

Außerdem, so teilt die Stadt mit, hätten sich durch gesetzliche Vorgaben die Rahmenbedingungen für Signalsteuerung geändert. Es braucht engere Sicherheitszeiten, deshalb stehe weniger Grünzeit zur Verteilung zur Verfügung. „Dies wirkt sich wiederum im gewissen Maße auf die Grüne Welle aus“, sagt der Sprecher.

Zudem reagieren die Signalschaltungen oft verkehrsabhängig. Werden Straßenbahnen und Busse beschleunigt, werden die Grünzeiten beeinflusst. „Diese Eingriffe können dazu führen, dass die Koordinierung für ein oder zwei Signal-Umläufe beeinträchtigt wird. So entsteht punktuell der Eindruck, dass die Signalanlagen nicht aufeinander abgestimmt sind und die Welle beeinträchtigt ist“, heißt es von der Stadt. „Diese Eingriffe werden durch geschickte Wahl der Phasenabfolge so geplant, dass in der Regel ein Mindestmaß an Koordinierung aufrecht erhalten werden kann.“ Und: „Die Grüne Welle wird im Rahmen der technischen Möglichkeiten berücksichtigt“.

In den Rat eingebracht hat das Grüne-Welle-Thema Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die für die FDP Oberbürgermeisterin in Düsseldorf werden will. Strack-Zimmermann findet, dass das Thema durch Corona „untergegangen“ sei, trotzdem sei es ihr wichtig. Man können zwar den Wunsch nach Beschleunigung des ÖPNV etwa auf der Grafenberger Allee verstehen und nachvollziehen, das aber sei nicht die erste Motivation des regierenden Oberbürgermeisters Geisel, findet die FDP-Politikerin. Denn es seien inzwischen auch zahlreiche Straßen betroffen, „wo es gar keinen ÖPNV gibt“. Ihr Schluss: Der OB setze immer wieder kleine Nadelstiche, um es „dem Autofahrer so unbequem wie möglich zu machen“. Dabei müsse man doch eigentlich das Angebot verbessern und nicht das vorhandene Angebot unbequem ausgestalten. „Herr Geisel fasst mit diesen Maßnahmen mit der Pfote auf die heiße Platte“, findet Strack-Zimmermann.

Düsseldorf setzt schon lange auf das Bevorrechtigungskonzept für den öffentlichen Nahverkehr, um die Verkehrswende aktiv anzugehen. Das tun bundesweit inzwischen fast alle Städte, weil bestimmte Förderprojekte an Vorrangschaltungen für Busse und Bahnen geknüpft waren. OB-Kandidat Stephan Keller findet trotzdem Anlass zu Kritik: „Die Grüne Welle dient dazu, den Kraftfahrzeugverkehr so abzuwickeln, dass möglichst wenig Emissionen im Stand und beim Stopp-and-Go entstehen“, sagt der Kölner Stadtdirektor. Und: „Das mutwillige Zerstören dieser vormals vorhandenen Funktion in Düsseldorf in dem Glauben, hierdurch den Umstieg auf den ÖPNV zu fördern, geht fehl. Beide Systeme werden langsamer, die Qualität und die Attraktivität sinken und die Belastungen in der Stadt steigen an“, bilanziert der CDU-Mann, der stattdessen „attraktive Angebote im ÖPNV schaffen und durch Sharing-Systeme und Mobilstationen ergänzen“ will, damit Bürger auf das Auto verzichten.

„Neue digitale Signale an den Ampeln sind die Zukunft“

Die Ansätze für Verbesserung habe er selbst in seiner Zeit als Düsseldorfer Verkehrsdezernent gelegt. „In dem Projekt ,Kooperative Mobilität in dem digitalen Testfeld Düsseldorf’, genannt Komod, haben wir die Erprobung passgenauer Zeitfenster an Ampeln für ÖPNV-Fahrzeuge auf die Spur gebracht.“

Die neuen digitalen Signale an den Ampeln seien die Zukunft, weil sie alle Verkehrsteilnehmer in die Schaltung der Ampeln einbeziehen. „Auch für die Radfahrer gibt es bereits die App zur Grünen Welle, die bei Apple unter dem Traffic-Pilot herunterzuladen ist“, sagt Keller.