Interview: Wir fragten zwei Fahrlehrer: Wieso fallen mehr Fahrschüler durch?

Interview : Wir fragten zwei Fahrlehrer: Wieso fallen mehr Fahrschüler durch?

Wir sprachen mit zwei Düsseldorfer Fahrlehrern über die Gründe für die stetig zunehmende Durchfallquote bei Fahrprüfungen.

Düsseldorf. Die Durchfallquote bei theoretischen Fahrprüfungen nahm in den letzten Jahren kontinuierlich zu. Wurden bundesweit vor 10 Jahren rund 30 Prozent der theoretischen Prüfungen nicht bestanden, waren es 2017 mehr als 36 Prozent (35 in NRW). Auch bei den praktischen Prüfungen ist ein Anstieg zu verzeichnen, der Prozentsatz stieg hier 2017 erstmals über 28 Prozent (knapp 29 in NRW).

Foto: Fahrschule Marx

Wir sprachen mit zwei Fahrlehrern, Josef Harren, der seit 1978 tätig ist und Oliver Stamm von der innerstädtischen Fahrschule Marx, über ihre Erfahrungen.

Die Zahlen sind eindeutig. Können Sie in ihrer täglichen Erfahrung bestätigen, dass mehr Menschen Probleme haben die Fahrprüfung abzulegen?

Josef Harren: Ja, es sind viel mehr. Man muss mit denen auch deswegen auch mehr Fahrstunden fahren. Was natürlich viele nicht gerne machen wollen. Es liegt aber an den Schülern, die können sich viel weniger konzentrieren als früher. Ich war gerade auf einem Lehrgang, dort sagte die Psychologin, moderne Menschen können sich zehn bis zwanzig Sekunden konzentrieren, dann haben die wieder vergessen, was vorher passiert ist. Manchmal sagt man: „nächste rechts“, da fahren sie geradeaus - haben vergessen, dass sie rechts abbiegen sollen.

Ist es wirklich so?

Harren: Es ist so.

Oliver Stamm: Wenn nach ein paar Sekunden kein Impuls mehr kommt, dann fährt man runter, auf Standby.

Harren: Viele Leute in der Stadt brauchen eigentlich kein Auto mehr. Auf dem Land ist das noch ein bisschen anders. Handy ist viel wichtiger. Früher haben die mehr daneben gesessen und geguckt wie Vater und Mutter fuhren. Heute sitzen die daneben und gucken auf ihr Handy. So muss man heute von Grund auf alles erklären. So auch die Technik von dem Auto.

Sie sagen, dass liegt wirklich daran, dass die Menschen nicht mehr so aufmerksam sind?

Harren: Vielleicht sind die Menschen mehr abgelenkt von anderen Sachen.

Stamm: Man sieht das ja auch schon wie die Kleinkinder im Auto sitzen, wenn die Eltern fahren. Die haben das Smartphone in der Hand. Wir als Kinder - ich kann mich daran erinnern -, wollten fast lenken, waren neugierig. Das ist heute gar nicht mehr.

Harren: Sie kommen da hin und sagen, der bringt mir das schon bei. Früher wussten die vorher schon manche Sachen.

Wie sieht es auf der theoretischen Seite aus?

Stamm: Generell versuchen viele, ohne Buch zu lernen. Wie will man irgendetwas lernen ohne ein Buch zu benutzen? Als ob die theoretische Prüfung eine Farce wäre. „Mal eben schnell. Ist ja sowieso nutzlos, das lerne ich alles beim Fahren.“

Harren: Durch sprachliche Barrieren bei vielen der Fahrschülern - ich fahre sehr viel mit Chinesen zum Beispiel - ist die theoretische Durchfallquote dann noch höher.

Haben sich die Anforderungen geändert?

Harren: Es ist jetzt alles am PC, man kann somit nicht mehr wie früher auswendig lernen.

Stamm: Man merkt wirklich auch bei der praktischen Ausbildung, den Unterschied zwischen Fahrschülern, die ein Buch benutzen und denen, die keines benutzen.

Harren: Oder die haben die Theorie bestanden und denken, sie könnten dann alles vergessen. Aber Sperrschilder, Vorfahrtsregeln und dergleichen muss ich wissen, manche Sachen allerdings braucht man natürlich nicht, das ist schon so.

Gibt es noch andere Phänomene, die Ihnen aufgefallen sind in letzter Zeit?

Stamm: Ich glaube der finanzielle Druck nimmt zu. Der spielt eine extreme Rolle.

Harren: War zwar immer schon so, aber gerade jetzt wo viele noch mehr Stunden brauchen, gerade in Düsseldorf, ist es problematischer. Der Verkehr selber hier ist Krieg. Keiner nimmt mehr Rücksicht. Man kann zehnmal dieselbe Straße fahren und die Situation ist zehnmal eine andere. Da muss man sicherer sein, sich viel mehr auf den Verkehr konzentrieren.

Stamm: Wer hier fahren lernt, kann überall fahren.

Haben sich ihre Methoden dadurch verändert?

Harren: Erstmal müssen wir länger noch mit dem Auto umgehen lernen, bis die Fahrschüler sicherer sind. Und dann erst geht man richtig in das Getümmel. Man probiert zunächst, mehr Sicherheit in den kleinen Straßen zu gewinnen. Man muss grundsätzlich mehr helfen, deshalb geht es heute eben Stück für Stück. Viele Fahrschüler lernen deshalb nur noch auf Automatik.

Ist das mehr geworden?

Harren: Ja viel mehr. Der LKW-Führerschein beispielsweise ist schon nur noch auf Automatik, weil es keine Schalt-LKWs mehr gibt.

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