„Roméo et Juliette“: Ein italienisches Märchen?

Oper : Ein italienisches Märchen?

Gounods Oper „Roméo et Juliette“ in Philipp Westerbarkeis Regie feiert am Samstag Premiere. Ein Vorgeschmack.

Es ist eine uralte Geschichte, so alt, dass man vielleicht gar nicht genau sagen kann, wer sie wann das erste Mal erzählte: Romeo und Julia.

Regisseur Philipp Westerbarkei wird dieses „alte italienische Märchen“, die durch Shakespeares Tragödie „Romeo and Juliet“ und schließlich in unserem Fall durch die musikalische Verarbeitung von Charles Gounod tradiert wird, uns in seiner auf die Urgeschichte fokussierten Interpretation an die Hand reichen. Dabei wurde bei den letzten szenischen Proben zu der Premiere, die wir besuchen durften, deutlich, dass der 1987 geborene Theaterwissenschaftler und – das ist hier ein wichtiges Detail – italienische Philologe, dessen erste große Regiearbeit „Roméo et Juliette“ an der Rheinoper sein wird, Gounods Oper auf den Boden eines realistischen Destillates ziehen wird. Ein englischer Dramatiker, eine italienische Geschichte und eine französische Oper – in diesem Spannungsfeld möchte und muss sich Westerbarkei bewegen.

In Düsseldorf ist Juliette kein junges Mädchen

In den Kostümen von Tatjana Ivschina spielen Luiza Fatyol (Juliette), Ovidiu Purcel (Roméo) vor der „schmelzenden“ Wand des Bühnenbildes. Foto: Hans Jörg Michel

Der Regisseur legt den Vorabend der Hochzeit, bei der Juliette mit Pâris verheiratet werden soll und an dem sie zufällig auf Roméo treffen wird, auf die Klimax des italienischen Sommers: „Ferragosto“, den „Feiertag des Augustus, der zeitgleich Mariä Himmelfahrt ist. An diesem 15. August kulminiert „extrovertiert“ der Sommer in einem großen Fest – indes auf einer spiegelglatten Fläche der Bühne, auf der man hervorragend ausrutschen kann.

Weitere Zutaten des Bühnenbildes von Tatjana Ivschina: ein Fels, der zwischenzeitlich unmerklich nach vorne rücken wird, ein wild aus unterschiedlichen Stühlen zusammengebautes Podium, das aber fast ein wenig nach einem Scheiterhaufen aussieht, umgeben von einem dunklen Raum, einer Piazzia, umrahmt von steinern anmutenden Wänden, die aber unten herum zu schmelzen scheinen. Darüber überdimensionierte Lichterketten, die aber auch zu einem Irrgarten werden können. Doch auf der Oberfläche ist ein buntes, mit fast filmischen Mitteln gezeichnetes Fest sichtbar. Nach außen soll alles perfekt sein, alle Rollen sind verteilt – doch darunter brodelt es, spätestens in dem Moment, in dem Juliette aus ihrer Rolle ausbricht.

Westerbarkeis Juliette ist kein junges Mädchen, erzählt er uns. Eine Frau, Mitte Dreißig ist sie, die aber auch von ihrer Familie „ausgestellt“ wird. Ist ein Drama weniger dramatisch, wenn es einer Dreißigjährigen passiert? Wenngleich junge, von Schauspielern verkörperte, Spiegelbilder der Liebenden auch auftauchen.

Bei der Probe mit Luiza Fatyol, die die Juliette verkörpern wird und Ovidiu Purcel als Roméo, spürt man, dass hier viel mehr Tiefe, auch durch intensiv gefordertes Spiel von den Sängern verlangt wird, als würde man die romantisierende Gounod-Oper wörtlich nehmen. Dabei geht es auch um ein „schlankes und realistisches Spiel“, wie Westerbarkei sagt. Dadurch spüre man das Drama viel mehr. Westerbarkeis Regie wird körperlich. Sogar so körperlich, dass sich Ovidiu Purcel an einer Stelle der Probe gezwungen sieht, darauf hinzweisen, dass in einer bestimmten Position das Singen recht schwierig sein dürfte. Ein Diskurs, den der Regisseur bewusst sucht – am Ende weiß er ganz genau, was er von Chor und Sängern verlangen kann. Die Inszenierung – dirigiert von David Crescenzi – traut sich übrigens mehr Striche als Üblich – das heißt das bestimmte Stellen aus der Originalpartitur weichen mussten. Doch werde die Chronologie nicht angetastet. Spannend.

Premiere am Samstag, 19.30 Uhr, Opernhaus Düsseldorf.

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