Ein Schauspiel im Knast mit „Nathan (to go)“

Kultur : Ein Schauspiel im Knast mit „Nathan (to go)“

Die mobile Inszenierung von Lessings Nathan in der Regie von Robert Lehniger besuchte nun auch die JVA-Düsseldorf. Wir durften mit dabei sein.

Vorbei die Zeiten von vergitterten Türen, wie man sie aus vielen Kinofilmen kennt. In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Düsseldorf sind die Türen aus Panzerglas. Von ihnen gibt es reichlich und alle müssen mit einem Spezialschlüssel geöffnet werden. Die unterirdischen Gänge im 2012 eröffneten Neubau in Ratingen sind klinisch Weiß gestrichen und scheinbar endlos. Zumindest diejenigen, die das Personal täglich während des Dienstes durchqueren muss. „Es gibt Kollegen, die sich spaßeshalber einen Schrittzähler besorgt haben“, verrät Freizeitkoordinator M. Schneider, der seit 39 Jahren in der JVA arbeitet und noch das alte Gebäude auf der Ulmer Höh‘ kennt. Die Gänge für Besucher sind übrigens nicht so trist. Sie wurden von dem in New York lebenden deutschen Künstler Markus Linnenbrink bunt gestaltet.

Es ist ein besonderer Tag für einige der derzeit 805 Häftlinge. Rund 50 von ihnen sitzen in einem Saal im Herzen des Gebäudekomplexes und verfolgen eine Aufführung von Lessings „Nathan der Weise“. Zu Gast ist das Ensemble des Schauspielhauses, das bereits im zweiten Jahr mit Inszenierungen innerhalb der Stadt auf Tour geht. „To go“, wie es so schön heißt. „Wir treten überall dort auf, wo es Raum für mindestens 100 Zuschauer und eine Bühne gibt“, erklärt Dramaturgin Berit Evensen. Aufführungen dieser Art gab es schon im Oberlandesgericht, im LVR-Klinikum, im Industrieclub oder in Schulen oder Kirchengemeinden. Und nun also die JVA. Die erste Kooperation zwischen Schauspielhaus und der Justizvollzugsanstalt. Wenn auch nicht die erste kulturelle Veranstaltung für die Insassen. „Wir hatten schon Konzerte, Lesungen und Kabarettisten zu Gast“, zählt Beate Peters, seit Mitte 2018 Leiterin der JVA, auf. In Ratingen sitzen nur Männer ein. Dabei ist die ganze Bandbreite von Straftaten zu finden. Untersuchungshäftlinge sind dort ebenso untergebracht wie Kurz- und Langzeitinsassen.

Für Häftling „Paul“ hat das Nathan-Thema große Aktualität

Der „Nathan (to go)“ in der Regie von Robert Lehniger spielt sich in einer Art Gerüstlandschaft mit Vorhängen ab. Foto: M. Schneider/JVA

Auch Paul (Name geändert) hat in der JVA seit 29 Monaten seine aktuelle Adresse. Er arbeitet in der Gefängnisbibliothek und ist dort zuständig für die Verwaltung der Medien. Er ist begeistert von dem Angebot der Gefängnisleitung, immer wieder Kulturangebote in den Knast zu holen.

Ein Stück wie den „Nathan“ empfindet er mehr als passend, zeige es doch, wie aktuell Lessings Text über die drei Weltreligionen auch heute noch ist. „Ich glaube, gerade weil wir hier auf so einem begrenzten Raum zusammenleben, müssen wir uns anders, bewusster mit dem Glauben der Mitgefangenen auseinandersetzen“, ist Paul überzeugt.

In einem Nebenraum werden die Ensemblemitglieder des Düsseldorfer Schauspielhauses geschminkt. Foto: M. Schneider/JVA

Dass nur rund 50 Häftlinge in der Aula sitzen und nicht mehr, hat verschiedene Gründe, wie Beate Peters erklärt: „Die Insassen konnten sich für die Teilnahme bewerben. Wir haben sie unter anderem nach dem Kriterium ausgewählt, welche Haftstrafe sie hier verbüßen“. Beispielsweise könnten Untersuchungshäftlinge dann nicht teilnehmen, wenn die Gefahr bestünde, dass sie sich untereinander für ein anstehendes Gerichtsverfahren absprechen. Der Sicherheitsaspekt steht immer an oberster Stelle. Straftäter, die ein hohes Gewaltpotenzial aufweisen, werden in der Regel eher nicht zu solchen Veranstaltungen zugelassen.

Das Ensemble, samt Technik-Crew, war bereits am Vormittag angereist, um die provisorische Bühne aufzubauen, Licht und Ton einzurichten, sowie den Bereich für die Maske vorzubereiten.

Alle mussten dafür durch die Kontrolle am Eingang. Die Wachhabenden sitzen hinter einer verspiegelten Scheibe, was bei Besuchern ein Gefühl der Verunsicherung hervorruft, weil sie ihr Gegenüber nicht sehen und nur über eine Lautsprechersäule kommunizieren können. Handys bleiben an der Pforte, ebenso wie die Ausweise des Ensembles und der Crew.

Auf das Publikumsgespräch musste hier verzichtet werden

Die „Nathan“-Inszenierung ist bewusst modern gehalten und etwas gestrafft. „Eine Pause ist nicht vorgesehen“, erklärt Berit Evensen. Ebenso wenig wie ein Publikumsgespräch im Anschluss an die Aufführung, wie es sonst der Fall ist. „Das hat mit dem Sicherheitsaspekt zu tun“, so die Dramaturgin. Ab einer bestimmten Uhrzeit ist Einschluss und das Gefängnis wird abgeriegelt. Bis dahin müssen alle Besucher draußen sein.

Die Zuschauer folgen dem Geschehen auf der, einer überdimensionalen Box mit offenen Seiten und Vorhängen nachempfunden, Bühne über die gesamte Länge gebannt. Kein Geflüster, kein unruhiges Herumrutschen auf den Stühlen. Sie wissen das Angebot von Schauspielhaus und JVA zu schätzen, bringt es doch ein wenig Abwechslung und Ablenkung in den Knastalltag.

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