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Kein Science-Fiction: Katastrophenszenario am Schauspielhaus

Kein Science-Fiction: Katastrophenszenario am Schauspielhaus

Mit „Kein Science-Fiction“ feiert am Schauspielhaus ein bedrückend intensives Stück Uraufführung.

Düsseldorf. Ungewöhnlich ist schon der Auftakt des Spiels. Durch eine Windung wie durch einen hölzernen Darm betreten die Zuschauer das Stück und sind gleich mitten auf der Bühne zwischen den Schauspielern angelangt. „Der Himmel wird sein wie siedendes Öl und dann kommt unsere Apokalypse, die nicht eure ist, denn unsere Apokalypse ist euer Ende.“ So düster empfängt die von Visionen heimgesuchte Kassandra (Xenia Noetzelmann) das Publikum, und so düster geht es im neuen Stück von Autorin Tine Rahel Völcker und Regisseurin Nora Schlocker in einem fort.

„Kein Science-Fiction“ heißt das Stück, und das bedeutet wohl so viel wie: Es gibt keine Ausflüchte, wir sind bereits mitten drin in der Katastrophe. Kassandra, die Seherin aus der griechischen Mythologie, Kassandra, die Fremde, ist angekommen im Hier und Jetzt. Als wissenschaftliche Beraterin der Firmengruppe Atreus nutzt ihr Chef Agamemnon (Ingo Tomi) ihre Fähigkeit, die Zukunft zu lesen, für seine Börsengeschäfte aus. Macht und Gier machen ihn taub für ihre Warnungen, die ungehört verhallen und Kassandra immer tiefer in Verzweiflung stürzen lassen. Schnell wird klar, die Firma, die mit einer Burg gleichgesetzt wird, ist nichts anderes als die von der Finanzkrise geschüttelte Festung Europa. Wer in der Burg lebt, wird depressiv oder bringt sich um, während die Fremden, die keinen Einlass erhalten im Arbeitshaus versklavt werden. Zur Schuldigen an all dem Elend, wie soll es anders sein, wird Kassandra erklärt, auf die ja niemand hören wollte.

Dem Untergang unausweichlich zuströmend ist „Kein Science-Fiction“ eine Parabel auf Finanzkrise und Fremdenfeindlichkeit und damit letztlich ein vom Zeitgeist geprägtes Katastrophenszenario. Einzig der rechtsradikale „Kampfbund Europa“, der die Macht an sich reißen wird, wirkt zwar in der Handlung logisch, überfrachtet das Geschehen aber bis zur Unübersichtlichkeit. Dazu trägt bei, dass das vierköpfige Ensemble (dazu gehören auch Elena Schmidt und Aleksandar Radenkovic) gleich sämtliche Rollen spielt. Der Intensität des Spiels, das phasenweise enthusiastisch wirkt, tut das keinen Abbruch.

Das liegt auch daran, dass Zuschauerraum und Bühne eins werden. Der bedrückende Tunnel vom Einlass sieht von den Rängen aus wie ein zerschelltes Flugzeug. Darüber und dazwischen hetzt das ungemein wandlungsfähige Ensemble und verbreitet einen fiebrigen Pulsschlag, der auf das Publikum überspringt. Das zeigt sich am Ende entsprechend begeistert.