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„Happy Birthday“ für Marriner

„Happy Birthday“ für Marriner

In der Tonhalle hat das Publikum dem Altmeister Sir Neville Marriner mit einem Ständchen zum 90. Geburtstag gratuliert.

Düsseldorf. Die 90 Jahre sieht ihm niemand an, dem britischen Stardirigenten Sir Neville Marriner. Doch es ist wahr: Im April feierte der Altmeister den runden Geburtstag. Schon als „Jüngling“ von 50 hat er in Düsseldorf dirigiert und dann regelmäßig. Das Verblüffende: Marriner hat sich in all den Jahren gar nicht stark verändert. Noch immer dirigiert er mit Tempo und agiler Zeichengebung. Das Podium betritt er vielleicht nicht mehr so zügig wie einst, doch auch heute noch bewegt er sich mit Eleganz und Tatendrang.

Kurz vor dem Beginn der zweiten Programmhälfte des Tonhallen-Konzerts steht plötzlich eine Mitarbeiterin von Heinersdorff auf dem Podium. Das Publikum verstummt recht schnell, vielleicht war mancher auch besorgt um das Wohlbefinden des alten Herrn. Doch die Dame verkündet nichts Schlimmes, sondern bittet das Publikum, Sir Neville nach dem Konzert ein „Happy Birthday“ zu singen.

Gesagt, getan: Das Orquestra de Cadaqués, mit dem Marriner gastierte, war offenbar eingeweiht. Und so sangen und spielten Publikum und Orchester zum Zeitpunkt des Schlussapplaus’ den englischsprachigen Geburtstagsklassiker. Marriner wurde leicht rot und winkte nach dem Ständchen verlegen ab. Mit dem Taktstock klopfte er beim Vorbeigehen manchem Orchestermitglied auf den Kopf, gewissermaßen als liebevolle Schelte für zu viel des Aufhebens.

Hauptwerk des Abends war ein schwungvolles Stück der Frühromantik, das temperamentvollen Zeremonienmeistern wie Marriner gut liegt: die „Italienische“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Der Dirigent muss nicht viel mit dem Taktstock fuchteln, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen: Ein paar zackige Zeichen und fester Blickkontakt mit den Musikern genügt, und Mendelssohns klingendes Souvenir von seiner Italien-Reise versprüht den mediterranen Charme und die Lebensfreude, die der Komponist mit dem Stück eingefangen hat.

Vor der Pause gab es feinsten Mozart: das Klavierkonzert Es-Dur KV 482. Das Stück sprüht vor Originalität und Ideenreichtum. Schon die witzigen Kontrapunkte des Fagotts, die auf die triumphal einleitenden Es-Dur-Akkorde folgen, tragen ans Ohr ein kleines Stück vom großen Glück. Das Ganze wird umso schöner, je besser der Pianist ist, der am Klavier sitzt. Mit Martin Stadtfeld stand ein sehr feinsinniger, mitdenkender Interpret am Flügel. Ob Aufhellung des Diskants oder dunkle Verstärkung der Bass-Töne, Stadtfelds Akzente betonten stets die Besonderheiten der Musik, ohne dass es aufdringlich wirkte. Allenfalls die beiden Kadenzen Ferruccio Busonis klangen ein wenig zu dick aufgetragen.

Für den starken Beifall gab es eine Zugabe zum Träumen: Bachs berühmte „Air“ in einer dezent romantisierenden Klavierbearbeitung des Russen Alexander Siloti.