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Annett Louisan: Kleine Sängerin, große Ausstrahlung

Annett Louisan: Kleine Sängerin, große Ausstrahlung

Einen gefeierten Auftritt legte die Musikerin Annett Louisan in der Tonhalle hin und überzeugte mit ihren Chansons.

Düsseldorf. Sie hat ihr Trampolin, das sie immer mit auf Tour nimmt, „um nach einem Konzert ihr Adrenalin abzuspringen“, gewiss gut gebrauchen können. Annett Louisan dürfte irgendwo in einem Düsseldorfer Hotel nach dem von den Zuschauern in der Tonhalle begeistert gefeierten Auftritt viel gehüpft sein. Während der letzten zwanzigminütigen Zugabe war sie von den tanzenden und schunkelnden Zuschauern gefeiert worden, die sie zuvor mit ihren Chansons eingefangen hatte.

Dabei traut man es der kleinen Person, die sich mit ihren Stöckelschuhen so groß macht, wie es eben geht, erst gar nicht zu, die Menschen so zu fesseln. Eher schüchtern kommt sie daher in ihrem schwarzen Kleid. Auf einer Bühne, die mit einigen altmodischen Stehlampen als Deko wenig spektakulär ist. Doch ob diese Schüchternheit gespielt ist, bleibt offen. Denn ihre Texte, das weiß ihre Fangemeinde, sind oft alles andere als schüchtern, vielleicht eher einschüchternd, gerade für Männer, die immerhin etwa zur Hälfte das Publikum am Montagabend ausmachten.

„Das Ding“ von ihrem neuen Album ist so ein Stück. Da geht es um ein im Internet gepostetes kompromittierendes Foto, mit dem ein Ex verspottet wird. „Dafür habe ich ganz schön von der Kritik auf den Sack bekommen“, bekennt Louisan freimütig, singt es aber dennoch unverdrossen. Sexismus mal anders rum.

Begleitet wird sie von vier Männern an Streichinstrumenten, Percussion und Piano, die dem Auftritt der 37-Jährigen mit der Süßholzstimme sicheren musikalischen Halt geben. Und die von der Frontfrau zu Recht gepriesen werden ob ihrer Professionalität: „Ihr spielt so schön“. Und dann erklärt sie dem Publikum, warum das mit ihren „Sexy Lover Boys“ in ihrem Rücken so gut funktioniert: „Wir spielen seit zehn Jahren zusammen und hatten noch keinen Sex miteinander.“

Wirklich schüchtern ist sie also doch nicht, aber trotz Schlüpfrigkeit nie vulgär. Annett Louisan kokettiert mit eigenen Unzulänglichkeiten („Scheiße, mein Kleid ist zu eng geworden“), singt selbstironisch das Lied von den nicht ausgelassenen Fettnäpfchen („dort in den Nesseln steht mein Lieblingssessel“). Sie geht durch die Reihen, setzt sich auch mal neben einen verblüfften Zuhörer. Mit jedem Schauspieler zur Ehre gereichender Mimik begleitet sie ihre Texte, die sich meist um Flirts, Affären, zerbrochene Lieben, aber auch um einen sterbenden geliebten Menschen oder um ein greises Ehepaar mit dem Namen Paul und Agathe.

Louisan strahlt und strahlt aus. Großartig ihre Coverversion von Chris Isaacs „Wicked Game“ — dem einzigen englisch gesungenen Stück zwischen ihren deutschen Chansons. Und dann reißt ihr rasant an Tempo gewinnendes Zigeunerlied die Zuhörer von den Sitzen, bei dem die Stimme kaum wiederzuerkennen ist. Eher störend wirkte an diesem Abend in der fast gefüllten Tonhalle das Begleitprogramm: Fotos und Filmchen auf einer Leinwand hinter den Musikern, die — meist mit der Künstlerin als Darstellerin — eher vom Bühnengeschehen ablenkten.