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Interview: „Du kannst doch Noten lesen, also kannst du loslegen“

Interview : „Du kannst doch Noten lesen, also kannst du loslegen“

Interview Adrien Perruchon springt bei den Sternzeichen-Konzerten in der Tonhalle kurzfristig für Joana Mallwitz ein. Mit dem gleichen Programm, das er teilweise noch nie zuvor dirigiert hat. Ein Pausengespräch.

Nachdem Dirigentin Joana Mallwitz für die Sternzeichen-Konzerte am Wochenende krankheitsbedingt absagen musste, ist der junge französische Dirigent Adrien Perruchon eingesprungen. Er wird am Freitag, 10. Januar, Sonntag, 12. Januar und am Montag 13. Januar, die Konzerte mit den Düsseldorfer Symphonikern und dem Solisten Vadim Gluzmans in der Tonhalle mit unverändertem Programm leiten. Neben Schostakowitsch Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 op. 129 und Schuberts „Unvollendeter“ D 759 erklingt die Ballettsuite Nr. 2 „Daphnis et Chloé“ von Ravel. In der Pause der Orchesterproben – die auf Hochtouren laufen – trafen wir den 36-Jährigen, der zuvor Paukist bei dem Orchestre Philharmonique der Radio France war und sich seitdem einen wohlklingenden Namen als Dirigent gemacht hat, in der Garderobe.

Herr Perruchon, Sie sind kurzfristig für die erkrankte Dirigentin Joana Mallwitz als Dirigent der kommenden Sternzeichen-Konzerte eingesprungen. Lassen Sie uns zunächst darüber sprechen, wie das funktioniert, wenn man als Dirigent als „Einspringer“ verpflichtet wird.

Adrien Perruchon: Das funktioniert so, dass das Management einen anruft und sagt, um welches Programm es geht und fragt, ob man es gerne machen würde. Und wenn man es machen möchte, ob man Wünsche habe, inwieweit das Programm geändert werden muss. Dann kommt es zu weiteren Verhandlungen mit dem Orchester, dem Veranstalter und wenn die Entscheidung gefallen ist, sammelt man sich, packt schnell zusammen und versucht, möglichst zügig an die Noten zu kommen. Im Chaos meiner Bibliothek konnte ich auf die Schnelle die Partitur von Ravels „Daphnis et Chloé“ nicht finden; ich bekam die Noten sogar erst hier in Düsseldorf in die Hände. Der Prozess an sich ist allerdings nicht viel anders als typische Situationen vor anderen Engagements.

Allerdings haben Sie sonst ja deutlich mehr Zeit zur Vorbereitung.

Perruchon: Ja, abhängig von der musikalischen Sprache, der Länge des Stückes oder auch der Komplexität der Musik, plant man mit mehreren Monaten. Bei manchen Werken muss man eine Seite pro Tag lernen. Beim Einspringen tut man dasselbe in verdichteter Zeit. Man hat das Programm und bereitet sich vor. In meinem Fall bei diesem Konzert gibt es sogar ein Stück, das ich noch nie zuvor dirigiert habe; ein anderes wiederum habe ich jüngst noch einstudiert.

Welches Stück war für Sie ganz neu?

Perruchon: Das zweite Konzert für Violine und Orchester von Schostakowitsch ist für mich ganz neu.

Ist es nicht sehr mutig, es trotzdem so kurzfristig zu dirigieren?

Perruchon: Ja – aber lassen sie mich meinen Mentor und guten Freund Esa-Pekka Salonen zitieren. Er debütierte übrigens noch als Student der Sibelius-Akademie in Helsinki mit Mahlers dritter Sinfonie und dem Philharmonia Orchester, ebenfalls damals als Einspringer. Sie riefen ihn an, fragten ihn, ob er verfügbar wäre, und er war in einer ähnlichen Situation. Er ging zu seinem Lehrer und fragte, wie er mit der Situation umgehen solle – jener sagte: Du hast die Partitur und in dieser stehen die Noten. Du kannst doch Noten lesen, also kannst du loslegen. Ich glaube der Schlüssel dazu ist, dass man bei der Vorbereitung eines Stückes niemals nur zu Hause am Schreibtisch darüber sinnieren sollte.

Sondern?

Perruchon: Man schafft sich zwar ein Konzept, wie man das, was in den Noten auf Papier steht, mit den Musikern zum Leben erwecken wird, aber wenn man dann zur Probe kommt, passiert das Entscheidende. Denn es kommt zu einer Kombination dessen, was man als Konzept sich vorgenommen hat und was die Musiker selbst beisteuern, einem an die Hand geben. Übrigens – wenn man ausreichend geprobt hat, erreicht man mit dem Orchester einen Zustand, in dem, technisch gesehen, der Dirigent nicht mehr notwendig ist. Was immer mein Ziel ist: Also dem Orchester die ideale Sicherheit zu geben.

Man könnte fragen – wozu dann noch ein Dirigent?

Perruchon: Die musikalische Dramaturgie muss – zwar nicht kontrolliert – aber gelenkt werden. Ich mag das deutsche Wort „Dirigent“ mehr als den französischen Gegenpart „Chef d‘orchestre“. Weil Chef klingt ein bisschen nach einem Befehlshaber. Dirigent hingegen impliziert für mich andere Assoziationen. Und das ist, was wir machen.

„Chef d‘orchestre“ erinnert mehr an den Deutschen Begriff des „Konzertmeisters“ für den ersten Geiger des Orchesters.

Perruchon: Ja, das ist wahr. Wenn man diese semantischen Unterschiede berücksichtigt, kann man die Spuren davon in der Persönlichkeit eines Orchesters entdecken.

Sie waren gemeinsam mit Gautier Capuçon schon auf Tournee in der Tonhalle – doch es wird ihr Debüt mit den Düsseldorfer Symphonikern.

Perruchon: Ich war auch schonmal als Einspringer mit den Wiener Symphonikern und Hilary Hahn hier. Und ich war in der Tonhalle auch schon häufiger als Orchestermusiker – ich war Solo-Schlagzeuger beim Orchestre Philharmonique de Radio France. Ich kenne den Saal, begegnete den Düsseldorfer Symphonikern aber noch nicht.

Wie waren die ersten Proben?

Perruchon: Was ich an diesem Orchester sehr mag, dass sie ein Opernorchester sind; was sich auch in der Natur des Orchesters widerspiegelt. Sie müssen diese Fähigkeit haben sich wie ein Chamäleon wandeln zu können. Denn im Musiktheater spielt man an einem Abend Don Giovanni, dann Tosca oder etwas von Janáček. Ich weiß nicht genau, wie sie es machen, aber sie können schlagartig in einem Augenblick ihre Spielweise ändern. Sie haben diese Qualität – was auch mit der Arbeit von Ádám Fischer zusammenhängen mag. Sie haben ein tief gehendes Wissen darum, was etwa den klassischen Stil ausmacht oder beispielsweise romantische oder französische Musik. Wir müssen gar nicht über Stil sprechen.

Das ist bemerkenswert.

Perruchon: Ja – sie kennen den Klang Schuberts, wissen wie Ravel klingen muss, wie man begleitet.

Vielleicht einige Worte zu der etwas ungewöhnlichen Kombination des Programms mit Schuberts „Unvollendeter“, dem Ravel und Schostakowitsch.

Perruchon: Das Programm ist ungewöhnlich und ich dachte tatsächlich darüber nach, welche Bezugspunkte es in diesem Programm geben möge. Schubert und Ravel sind, in gewisser Weise, beide Komponisten, die entweder uns unvollendete Werke hinterlassen haben, aber auch nie die Möglichkeit hatten so viel zu schreiben, wie sie vielleicht und wir vielleicht gewünscht hätten. Schuberts Leben war viel zu kurz und auch Ravel hinterließ viele fragmentarische Werke. Seine letzten Worte bei Verstand sollen gelautet haben: Ich habe noch nichts von Wert geschrieben. Er war ein sehr akribischer Charakter.

Gibt es vielleicht auch musikalische Linien zwischen dem Programm?

Perruchon: Soweit würde ich nicht gehen; aber sowohl Schubert als auch Ravel haben eine eher pianistische Art der Stimmführung. Wie etwa das zweite Thema der „Unvollendeten“. Es hat eine typische Liedbegleitung. Wenn man Schuberts Lieder kennt, hört man in seiner Orchestermusik ganz andere Farben und vice versa; wenn man seine Klavierwerke kennt, erkennt man die Meisterschaft seiner Orchestrierung. Und bei Ravel haben wir es mit vergleichbaren Phänomenen zu tun; er schrieb am Klavier und war sehr bedacht auf die Orchestration.

Der Solist bei dem Sternzeichen-Konzert ist Vadim Gluzman. Haben Sie einmal mit ihm gearbeitet. Wie war die erste Probe?

Perruchon: Wir haben noch nicht probiert – die erste Probe mit ihm ist für Donnerstag geplant. Ich habe noch nicht mit ihm zusammen gearbeitet. Aber ich bin sehr froh mit ihm gemeinsam das Violinkonzert zu interpretieren, denn er ist ein ganz hervorragender Musiker und ein großer Experte für die Musik von Schostakowitsch. Dieses Violinkonzert ist übrigens nicht derart unmittelbar wie das erste Violinkonzert.

Einige Worte zum Stück.

Perruchon: Es wurde als verfrühtes Geburtstagsgeschenk für David Oistrakh 1976 geschrieben. Das Werk ist in der Weise geschrieben, insbesondere im ersten Satz, dass es viele Momente gibt, in denen der Solist ein Chamäleon im Orchester sein muss und umgekehrt auch. Es hat gewisse Parallelen zur fünften Sinfonie, in der die Stimme des Solisten mitten in das Orchester geschrieben ist.

Für die Sternzeichen-Konzerte in der Tonhalle (Ehrenhof) am Freitag, 10. Januar, 20 Uhr, Sonntag, 12. Januar 11 Uhr und Montag, 13. Januar, 20 Uhr, gibt es noch wenige Karten. Informationen unter:

tonhalle.de