Jetzt spielen Studenten im Pöötzke

Jetzt spielen Studenten im Pöötzke

An Montagen erobern junge Musiker Deutschlands älteste Jazzkneipe. Dixieland wird auch gespielt.

Jeden dritten Montag verjüngt sich das Publikum „Em Pöötzke“ in der Mertensgasse im Herzen der Altstadt. Dann heißt es „RSH goes Pöötzke“, „Eine Idee von Jan Schneider und mir“, erklärt Peter van der Heusen, Hausherr in Deutschlands ältester Jazzkneipe. Jan Schneider ist Dozent für Trompete in der RSH — Robert-Schumann-Hochschule für Musik. Und von der Heusen ist nicht nur Wirt, sondern auch Jazzer, hat jahrelang bei Roncalli Saxophon gespielt und war auch mit dem Traumschiff unterwegs. Das ist gut so. Fürs Pöötzke und für sein Programm.

Von Donnerstag bis Samstag wird hier gewohnt Traditional geboten, Dixieland — ein Grund, warum radikale Modern-Fans schon mal das Gesicht verziehen bei Erwähnung der Spielstätte in der Gasse. Doch die sollten mal zu Wochenbeginn reinhören, da ist die Mischung eine andere und für Überraschungen gut. Und sonntags um 11 gibt’s „The Art of Swing“. Und immer: Eintritt frei. Dafür geht dann nach jeder Serie der Hut rum.

Die Mischung macht’s im Pöötzke. Auch beim Mobiliar — die ist praktisch vom Fass wie das Bier. Diese Kneipe ist nicht schick, eher schräg. Bitte bloß nichts verändern. Sterile Treffs für Neon-Babys haben wir schon genug in der Stadt. Das Pöötzke dagegen ist und bleibt einzigartig. Sein Name geht zurück auf eine kleine Hintertür, die zur nahen Neanderkirche führte. Protestantische Gotteshäuser mussten sich früher gezwungenermaßen hinter Häuserfluchten verstecken. Mag sein, dass auch deshalb in der Neanderkirche heute ab und zu gejazzt wird.

Seit einem halben Jahr treten nun Musik-Studenten im Pöötzke auf. Im März ist das Paul Wunder-Trio dran. Namensgeber und Bassist Wunder studiert nicht nur Musik, sondern auch Ton und Bild in Düsseldorf, Pianist Niklas Nadidai Musik in Wuppertal und Marvin Andrä Schlagzeug an der Folkwang-Schule in Essen. „Wir spielen meist Modern“, erklärt Wunder, „auch Eigenkompositionen.“

Öffentliche Auftritte, Konzerte sind heute extrem wichtig, wissen die Musikstudenten. Wer kauft denn noch CD, alle streamen: „Da brauchst Du ein Alleinstellungsmerkmal.“ Live is eben live. Und das will geprobt sein. „Ich kenn welche, die kriegen auf der Bühne keinen Ton mehr raus“, erzählt Andrä. Dafür, besser gesagt dagegen, gebe es an der Folkwang-Schule sogar Kurse gegen Auftritts-Angst.

Haben die drei Musik-Studenten aber nicht in der knuffigen Kneipe im Kreise ihrer Kommilitonen und Fans an diesem Abend, auch wenn sie von Anfang an gegen den Klangteppich der Gespräche anspielen müssen. Raumteilung hat Tradition im Pöötzke. Rund um die Theke wird geklönt, hinter dem Gitter in der Mitte wird’s ruhiger, dort platzieren sich die wahren Fans auf schmalen Bänkchen.

Erst wenn Andrä zum Schlagzeug-Solo ausholt, verlagert sich die Aufmerksamkeit, werden Gespräche unterbrochen. Nicht nur der Jazz lebt hier von der Improvisation, auch die Gästemischung. Besonders zu Messezeiten kommt es im Pöötzke immer wieder zu menschlichen Jam Sessions, wenn der Stamm- mit dem Messegast ins Gespräch kommt, egal was gerade gespielt wird, egal in welcher Sprache.

Musik verbindet eben. Peter van der Heusen zapft in aller Ruhe die nächste Runde und erklärt: „Wir sind traditionell ein Messeladen.“ Auch zur Pro Wein? „Gerade dann! Wenn die den ganzen Tag Wein getrunken haben, sind sie doch froh, wenn sie bei uns ein frisches Bier zischen können.“ Scheint wirklich so. Um 21 Uhr beginnt das Konzert, ab 22 Uhr wird’s rappelvoll in der Bude, kommen die internationalen Gäste nach dem Essen zum Ohrenschmaus.

Besonders freut sich Peter van der Heusen, dass das Pöötzke nach vielen Jahren wieder bei der Jazz-Rally dabei ist. Auferstehung einer Legende zu Pfingsten. Das swingt.

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