Ein Düsseldorfer erinnert sich an Kindheit in Köln

Kolumne: Mein Kölner Migrationshintergrund

Wie man als in Köln geborener Düsseldorfer in der Domstadt ins Kreuzverhör genommen wird – und was das mit Tina Turner, den Allofs-Brüdern und balearenblauen Fensterläden zu tun hat.

Wenn ich als Düsseldorfer in Köln zu Besuch bin und Kölnern erzähle, dass ich in ihrer Stadt geboren bin, freuen die sich meistens, und dann fragen sie: Wo denn in Köln? Und dann sage ich: Lindenthal, Uni-Klinik! Und dann haken sie nach: Ja, aber wo genau hast du in Köln gewohnt? Und nach meiner nächsten Antwort schauen sie mich irritiert oder anerkennend oder irgendwie abwertend an: Denn Lindenallee – das bedeutet in Köln nicht Lindenthal, das bedeutet Marienburg. Und Marienburg – das bedeutet: freistehende Gründerzeitvillen, Menschen mit viel Geld, hohe Promi-Dichte. Steht so in der Zeitung, immer mal wieder. Gerne wird dabei die berühmteste Ex-Marienburgerin aller Zeiten erwähnt: Tina Turner, die in den 80ern und 90ern mit ihrem deutschen Lebensgefährten ein paar Jahre in einer Prachtvilla Unter den Ulmen residierte. Sogar, wenn man Wikipedia fragt, präsentiert es unter “Marienburg” eine aktuelle Liste “Bekannter Einwohner”: Ingolf Lück, Elke Heidenreich und Harald Schmidt wohnen angeblich da, außerdem die Samwer-Brüder, RTL-Chef Gerhard Zeiler und Ex-Postmann Klaus Zumwinkel. Obendrein stehen in der Liste einige berühmte Verstorbene, aber ich habe keine Zeit, die jetzt auch noch aufzuzählen.

Das Image ist ja geklärt: Offenbar habe ich – Sohn eines Düsseldorfers und einer Westfälin – meine ersten Lebensjahre in einem Kölner Nobelviertel verbracht. Wenn die Kölner blöd sind, was ja eigentlich nur bei wenigen der Fall ist, kann man darauf wetten, dass sie “typisch Düsseldorfer” sagen, sobald sie “Marienburg” hören. Dabei lachen sie dann so gespielt-gekünstelt, um vorzugeben, es nicht so ernst zu meinen – obwohl sie es eben doch ernst meinen.

Manchmal sage ich zu den blöden Kölnern, die man eben doch öfter trifft, dass ich sie gerade veräppelt habe, was ja gar nicht stimmt, und danach veräppele ich sie tatsächlich und erzähle, dass ich in Wirklichkeit in Köln-Chorweiler im „Neue Heimat“-Plattenbau aufgewachsen und später, nach der Scheidung meiner Eltern, nach Kalk umgezogen bin.

„Chorweiler, Kalk, wie jetzt?“, sagen sie dann: Ich sei doch Düsseldorfer.

Und im nächsten Moment lenke ich das Gespräch um, indem ich beiläufig erwähne, dass ich schon lange nicht mehr in Köln-Kalk – Haha, Köln-Kalk-Verbot! –, sondern in Düsseldorf-Kalkum wohne, in der Nähe der Arena, und dass ich ein großer Fortuna-Fan sei, aber – Haha! – natürlich nicht der Kölner Fortuna.

Dass ich Fortuna-Düsseldorf-Fan bin, stimmt wiederum – auch wenn ich schon lange nicht mehr regelmäßig ins Stadion gehe. Und so fließt die Begegnung in eine friedliche dritte Halbzeit, und plötzlich fallen komplett seriöse, rheinisch gesungene Sätze, die Spaß machen.

Das Haus, in dem unser Kolumnist an der Lindenallee in Köln gewohnt hat (um 1971). Foto: Sebastian Brück

Zum Beispiel: Eigentlich gehören sowohl Köln als auch Düsseldorf in die 1. Liga.

Oder: Seit der Jean Löring nicht mehr Präsident von Fortuna Köln ist, geht’s mit dem Verein bergab.

Und manchmal auch: Die Allofs-Brüder haben ja erst bei euch und dann beim FC gespielt, jute Jungs waren dat!

Und dann denke ich: Wenn diese Kölner, die ich gerade noch blöd fand, ein dermaßen erstklassiges Fußball-Latein beherrschen und die Allofs-Brüder mögen, können sie so blöd nun auch wieder nicht sein.

In einer Marienburger Gründerzeitvilla haben wir damals tatsächlich gewohnt, aber freistehend war sie nicht, und viel Geld hatten wir auch nicht, und daher war es ziemlich ideal (aber auch logisch), dass die Miete für den gesamten Monat etwa dem entsprach, was heute eine einzige Nacht im Vier-Sterne-Hotel kostet. 80 Quadratmeter, erster Stock, 250 D-Mark! Konkurrenzlos günstig.

Bevor mein Vater einzog, hatte meine Mutter dort bereits gemeinsam mit ihrer Schwester gewohnt. Eine Studentinnen-WG, die sich nach Ende des Studiums erst in eine „Junge Lehrerinnen”-WG verwandelte und nach meiner Geburt in das Heim einer jungen Familie.

Das gleiche Haus im Jahr 2018. Foto: Sebastian Brück

Die niedrige Miete hatte ihren Grund: Das offene Treppenhaus wurde gemeinschaftlich genutzt. Meine bis heute ungeschiedenen Eltern mussten also den Flur der Hochparterre durchqueren, um über die Treppe in unsere Wohnung zu gelangen. Und die Dachgeschoss-Mieter mussten sowohl durch den Flur der Hochparterre, als auch durch den meiner Eltern. Da konnte es schon mal passieren, dass meine Eltern beim Weg vom Bad ins Schlafzimmer oder von der Küche ins Wohnzimmer den Nachbarn von oben begegneten. Falls sie Lust hatten, hin und wieder nackt durch die Wohnung zu laufen, was ja durchaus möglich, wenn nicht gar wahrscheinlich ist, so waren die Voraussetzungen dafür nicht gerade optimal.

Marienburg, Lindenallee, Ortstermin. Heute wandele ich zum ersten Mal seit Jahrzehnten auf den Spuren meines Kölner Migrationshintergrundes. Mein „Geburtshaus“ sieht von außen immer noch fast genauso aus wie auf den Schnappschüssen in unserem 1970er-Familienfotoalbum: Die zur Eingangstür führende Freitreppe. Die Fassade, die bis auf Höhe der Hochparterre-Fenster mit rotem Backstein verkleidet und darüber, also auch auf Höhe “unserer” Wohnung, weiß gestrichen ist — aber nicht strahlend-weiß, sondern matt-weiß. Und der Erker, der sich bis zu “unserem” Wohnzimmer-Fenster hochzieht.

Klar, ein paar Kleinigkeiten sind anders als auf den alten Fotos. Es fehlt zum Beispiel die Garage: Eine dieser Mini-Tiefgaragen – nur für ein Auto, mit extrem steiler und mit Rillen versehener Zufahrt, damit die Reifen nicht abrutschen, und mit einer kleinen Treppe in der Mitte. Gab´s früher häufig, wird heute nicht mehr gebaut, ist ja auch total unpraktisch. Dafür ist jetzt im Vorgarten mehr Platz für die Pflanzen. Natürlich sind diese Pflanzen inzwischen größer geworden. Nein, falsch! Sie sind gar nicht größer geworden, sie wurden ausgetauscht: Die Fassade ist bis zum Dachgeschoss berankt, mit so einem Efeuzeug, das auch im Winter grün ist. Neben der Freitreppe: Hortensien. Und neben den Hortensien stehen zwei oder drei Zypressen. Fast mediterran wirkt das, was wiederum gut zu den balearenblauen Holz-Fensterläden passt.

Oha, diese balearenblauen Holz-Fensterläden: Wie sehr ich mich freue, dass sie immer noch da sind! Ich bilde mir nämlich ein, mich an sie zu erinnern. Eine Gedächtnis-Erinnerung, keine Foto-Erinnerung – obwohl ich erst vier Jahre alt war, als ich sie zuletzt gesehen habe. Und als ich da so stehe und die Fenster anstarre und im Geiste bereits den Begleittext zu meinem Marienburg-Besuch formuliere, schießt mir – dem kitschallergischen Esoterik-Muffel – auf einmal dieses kitschig-esoterische Schlusswort durch den Kopf: Wenn die Fensterläden ebenfalls ein Gedächtnis hätten, würden sie mich womöglich wiedererkennen. Und wenn sie darüber hinaus sprechen könnten, würden sie sagen: Schön, dass du mal wieder vorbeischaust, Junge! Wir haben hier alles im Griff.

Dieselbe Freitreppe heute. Foto: Sebastian Brück

Kaum habe ich diesen Quatsch zu Ende gedacht und mich im gleichen Moment ein bisschen dafür geschämt, folgt ein Nachschlag: Diese Holz-Fensterläden meiner Kölner Marienburg-Kindheit sind gegen Düsseldorf-Vorurteile immun – und blöde Fragen stellen sie auch nicht.

Das wird ja immer schlimmer! Habe ich etwa doch ein Faible für Kitsch oder – noch schlimmer – für Esoterik? Kann man das mit Globuli behandeln? Darf dieser Text so enden? Nein, nein, nein! Was ich da gerade formuliert habe – das ist mindestens so zweifelhaft wie Homöopathie und in jedem Fall noch blöder als Kölner, die Düsseldorfern blöde Fragen stellen. Holz-Fensterläden, an die man sich erinnert, persönlich anzusprechen – das wäre ja noch okay. Schließlich soll es sogar Leute geben, die auf Facebook Abschiedsbriefe an Lieblingsbuchhandlungen oder Liebeserklärungen an Einkaufsstraßen veröffentlichen. Aber Holz-Fensterläden, die sich selbst erinnern und selbst sprechen – das geht gar nicht! Holz-Fensterläden haben kein Gedächtnis, und sprechen sollten sie auch nicht – nicht mal im Konjunktiv II.

Ich hebe den Kopf, schaue erneut zu den Fenstern hoch, und plötzlich weiß ich, dass das richtige Schlusswort viel einfacher ist.

Es lautet: Diese balearenblauen Kölner Holz-Fensterläden sind genau so, wie sie sein müssen – sie sind perfekt.

Ich atme auf und mache mit dem Smartphone noch schnell zwei bis drei Fotos von „unserem“ Wohnzimmer-Fenster. Dann setze ich mich ins Auto und fahre zurück nach Düsseldorf.

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