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Blind durch den Hauptbahnhof

Blind durch den Hauptbahnhof

Quartiersspaziergang der anderen Art: Mit Stock und Brillen, die die Sicht einschränken oder ganz nehmen. Unsere Autorin hat es ausprobiert.

Wie gelangt man sich als blinder oder stark sehbehinderter Mensch zum richtigen Gleis? Ein Experiment der Bahnhofsmission zusammen mit dem Blinden- und Sehbehindertenverein lud ein, das selbst auszuprobieren. Doch bevor es mit dunkler Brille und Stock losging, hieß es zunächst einmal zu lernen, was es an Orientierungspunkten gibt. Ein mit Farbkontrasten verstärktes System aus Rillenstreifen, Noppenfeldern, tastbarer Schrift und Lautsprechern durchzieht den Bahnhof, wie wir Teilnehmer erfahren.

Drei Brillenarten stehen zur Auswahl, die eine starke Einschränkung bis hin zur Blindheit simulieren: Eine, die den Blick total vernebelt, eine, die mit zwei winzigen Löchern einen starken Tunnelblick erzeugt und eine, mit der man tatsächlich gar nichts mehr sieht. Ich greife zunächst zur ersten Variante, dankbar für einen Partner an meiner Seite, der mich vor Unfällen bewahren kann. Vorsichtig taste ich mich mit dem Blindenstock auf der weißen Rillenlinie entlang Richtung Nordtunnel.

Ich muss mich erst daran gewöhnen, was ich noch sehe: Nebel, die Rillenlinie als verschwommener Strich auf dunklem Boden, jede Menge Schatten, die rasch vorbeihuschen — Menschen, die zum Zug oder in die Stadt hasten. Mit dem Stock das größere Noppenfeld vor mir zu ertasten, fällt mir bei den neuen Eindrücken um mich herum sehr schwer.

Noppenfelder bedeuten immer „Achtung!“. Sie sind vor Türen, vor Treppen, vor Aufzügen, vor Infosäulen, vor Abzweigungen der Linien. Welche gerade gemeint ist, muss man wissen, ertasten, raten — oder bei umstehenden Menschen erfragen. Für uns gilt: probieren, ob wir fühlen, was es zu fühlen gibt. Meine Hand umfasst den Handlauf an einer Treppe, die hoch zu einem Gleis führt. Ich spüre die Blindenschrift, darunter sollen Buchstaben oder Zahlen in lateinischer Schrift zu ertasten sein. Meine Finger sind das nicht gewöhnt, ich brauche lange, um mir aus einem Linienwirrwarr erst ein A, dann ein U zusammenzureimen. „Ausgang City“ steht dort — unschwer zu erkennen, als ich die Brille abnehme. An den Handläufen sind überall solche Hinweise angebracht, die das Gleis benennen, angeben, welche Gleise beim Abbiegen nach rechts kommen und wo es zur Innenstadt geht. So komme man ohne Hilfe klar, sagt Peter Joedecke, der vollständig erblindet ist.

Statt der Treppe nehmen wir aber den Aufzug. Beim Versuch, die Knöpfe an der Wand zu ertasten, drücke ich versehentlich gleich mal die Alarmglocke. Die Finger brauchen eindeutig noch Übung. Oben am Gleis bin ich plötzlich orientierungslos, bis mir klar wird, dass die Kontraste gewechselt haben: Der normale Boden ist jetzt hell, meine Rillenlinien schwarz. Dass da ein Zug neben mir steht, erkenne ich hingegen schnell, meine Augen erfassen einen langen roten Streifen.

Ich beschließe hingegen, eine andere Brille auszuprobieren — die mit Tunnelblick. Durch die Löcher sehe ich ziemlich viel, wie ich finde. Den Kopf hin- und herschwenken und ich weiß, was um mich ist. Doch der Eindruck täuscht. Das merke ich an der Treppe, die es nun hinabgeht. Einzelne Stufen erkennen? Fehlanzeige. Eine Hand an den Handlauf geklammert, die andere bei meinem Partner untergehakt, rutsche ich mit meinem Fuß behutsam bis an die Kante jeder Stufe, taste mich hinab.

Die nächste Herausforderung wartet draußen auf dem Bertha-von-Suttner-Platz. Hier wage ich mich an die Brille, die völlige Dunkelheit erzeugt. Und ich bin überrascht, wie schwer es ist, gerade zu gehen. Ich schwanke und mit meinem Stock verliere ich alle paar Schritte den Rillenpfad. Bei dem rauen Pflaster drumherum dauert es, ihn wiederzufinden. Dann bremst mein Stock plötzlich. „Da steht ein Fahrrad auf dem Weg“, sagt mein Begleiter. „Und gleich kommt noch eins.“ Mit viel Hilfe manövriere ich mich vorsichtig vorbei. Ich habe die Rillen und Noppen vorher nie bewusst wahrgenommen — künftig werde ich aber darauf achten, sie freizuhalten, egal wo. Denn das Orientierungssystem kann noch so gut sein: Es muss ertastbar bleiben.