Kommentar zum Kinderschutz in NRW: Der Wille ist da, Geld muss folgen

Meinung : Kinderschutz: Der Wille ist da, das Geld muss folgen

Der Missbrauchsskandal von Lügde hat geballt die eklatanten Lücken aufgedeckt, die es in Nordrhein-Westfalen beim Kampf gegen Kindesmissbrauch und -misshandlung noch gibt. Im Fokus stehen die Ermittlungspannen der Polizei und die Versäumnisse beim Jugendamt.

Aber auch im Umfeld der mehr als 40 Opfer hat offensichtlich lange Zeit niemand etwas geahnt – Ärzte, Erzieher, Lehrer, Angehörige, Freunde. Das soll keine Anklage sein, um Gottes Willen. Es zeigt nur: Wir als Gesellschaft müssen uns fragen, ob unsere Antennen für das, was mit unseren zerbrechlichsten Mitgliedern, unserer Zukunft, passiert, fein genug sind.

Autorin Juliane Kinast über die Vorschläge der Regierungskommission zum Kampf gegen Kindesmissbrauch. Foto: grafik

Nun ist gesellschaftlicher Wandel nichts, was im Hauruckverfahren zu erreichen ist. Wer ihn aber doch zumindest befeuern will, der braucht den Funken der Aufklärung. Wir brauchen mehr Wissen. Darauf drängt der Kinderschutzbund nicht umsonst massiv: Nur wer weiß, mit welchen Strategien Täter agieren und ihre Opfer zu Opfern machen, wird sie erkennen können. Die Organisation fordert deshalb, dass diese Aufklärung in die Ausbildung jeder Fachkraft integriert wird, die mit Kindern arbeitet – sei es in der Familienhilfe, im Bildungssystem, in Behörden oder bei der Polizei. Womit wir wieder beim Geld wären, denn die Vermittlung von wertvollem Wissen in der Breite kostet.

Und nicht nur sie. Ebenso die Vernetzung, für die alle Beteiligten Kapazitäten brauchen. Wenn bei Fallkonferenzen zu Verdachtslagen Mediziner, Behördenmitarbeiter und Polizisten zusammenkommen sollen, müssen alle eben mal weg von ihren Schreibtischen – und das geht nicht, wenn sich diese aufgrund des überall eklatanten Personalmangels durchbiegen.

Aktuell ist zumindest eine Grundzutat für Wandel vorhanden: das Engagement, der Wille. Es hat sogar den Anschein, als wollten alle so dringend handeln, dass sie es etwas kopflos und schnell nebeneinander tun: Die Medizin bringt gerade ein NRW-Kompetenzzentrum zum Kinderschutz an den Start, die Politik hat ihre Bosbach-Kommission, das Innenministerium eine Stabsstelle mit einem Polizisten an der Spitze. Was unkoordiniert wirkt, erfüllt dann einen Zweck, wenn die unterschiedlichen Perspektiven dieser Gruppen später zusammengeführt und die zielführendsten aus den erdachten Ansätzen destilliert werden. Vernetzung eben. Auch auf dieser höheren Ebene wichtig.

Ob die jetzt angestoßene Entwicklung nachhaltig ist, wird daran hängen, ob das Mehr an Engagement auch in ein Mehr an Ressourcen für den Kinderschutz münden wird. Und daran, ob das Engagement stark bleibt. Auch wenn zum Fall Lügde irgendwann ein Urteil gefällt und über die Parzelle auf dem Campingplatz  das Gras gewachsen ist.

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