Jugendliche suchen Lehrstelle per „Speed-Dating“

Jugendliche suchen Lehrstelle per „Speed-Dating“

München (dpa) - Ausbildungsplatz statt großer Liebe: In München werden Schüler und Unternehmen per „Speed-Dating“ miteinander verkuppelt. Die Schüler hoffen auf eine Lehrstelle - und die Unternehmen auf qualifizierte Nachwuchskräfte.

Jetzt muss es funken. Für sein „Date“ hat Thomas sich schick gemacht - das Oberhemd ist frisch gebügelt. Doch es ist kein Mädchen, das der 16-Jährige an diesem Tag trifft, sondern der Personalleiter der Möbelfirma Segmüller, Thomas Enzensberger. Mit ihm war der Realschüler verabredet, er hat sich um einen Ausbildungsplatz zum Verkäufer beworben. Enzensberger wirft einen kurzen Blick in die Bewerbungsmappe. „Warum wollen Sie Verkäufer werden? Warum bei Segmüller?“ - Nach einem knappen Gespräch muss Thomas weiter, schnell zum nächsten Termin.

Auf dem Jugendgelände „Kultfabrik“ in München werden Schüler und Firmen am Samstag per „Speed-Dating“ miteinander verkuppelt. In bis zu fünf Blitzinterviews an den Ständen der Unternehmen können sich Jugendliche für einen Ausbildungsplatz empfehlen. Viel Zeit bleibt ihnen dabei nicht, denn ein Interview dauert höchstens 20 Minuten. Das Prinzip beim Azubi-Casting ist dasselbe wie bei Flirtbörsen: Bewerber wechseln im schnellen Takt ihren Gesprächspartner und müssen in einer kurzen Zeit versuchen, mit ihrer Persönlichkeit und Ausstrahlung zu überzeugen.

„Wir sind hier so etwas wie die Kuppler. Wir führen in lockerer Atmosphäre zusammen, was zusammenpasst“, sagt der Organisator und Leiter der Bildungsagentur Fürstenfeld, Roland Nagl. Mehr als 60 Firmen nehmen an der Ausbildungsbörse teil, darunter Unternehmen wie Coca-Cola, Siemens und die Sparkasse. Ihnen sitzen mehrere hundert Jugendliche gegenüber, die auf der Suche nach einer Lehrstelle sind. Zu vergeben sind rund 1200 Ausbildungsplätze in der Region München, von der Maurerlehre bis zur Ausbildung als Biologielaborant. Die Veranstaltung findet heuer zum ersten Mal in München statt.

Den Firmen bieten die Blitzinterviews vor allem einen Vorteil: Sie bekommen die Chance, in kurzer Zeit möglichst viele Bewerber kennenzulernen und im besten Fall für sich zu gewinnen. „Die Unternehmen haben uns überrannt, weil sie händeringend nach Nachwuchs suchen“, sagt Nagl. Besonders in der Alten- und Kinderpflege, aber auch im Gastronomiegewerbe sei es schwierig, junge qualifizierte Menschen zu finden, die an einer Ausbildung interessiert sind.

Umgekehrt nütze das Prinzip des „Speed-Datings“ besonders solchen Jugendlichen, die wegen schlechter Noten oder Fehler im Anschreiben durch das übliche Bewerbungsraster fielen, sagt Nagl. „Für manchen Bewerber kann ein persönliches Gespräch vielversprechender sein, als wenn die Mappe auf einem Stapel in der Personalabteilung liegt.“ Die Vermittlungsquote bei der Ausbildungsbörse schätzt Nagl auf 50 Prozent.

Damit es beim „Date“ auch wirklich knistert, hat die Bildungsagentur die Bewerbungsgespräche vorbereitet. In 50 Schulen hat sie für die Veranstaltung geworben und so das Interesse der Schüler geweckt. Diese konnten ihren Berufswunsch angeben und wurden dann auf die passenden Unternehmen verteilt. In einer speziellen Schulung haben die Jugendlichen schließlich gelernt, was sie beim „Speed-Dating“ erwartet, welche Kleidung sie tragen und was sie bei ihrer Bewerbungsmappe beachten müssen. „Die Schüler nehmen hier nicht nur Gummibärchen und Kugelschreiber mit, sondern wissen, was sie wollen“, sagt Nagl.

Dabei sei es für viele Jugendliche das erste Bewerbungsgespräch überhaupt. Einige haben zur Unterstützung ihre Eltern oder Freunde mit nach München gebracht. Für sie sei das „Speed-Dating“ auch als Training gedacht, sagt Nagl.

Für Thomas könnte es klappen mit einem Ausbildungsplatz bei Segmüller. „Das Gespräch hat mir gut gefallen“, sagt er. Und auch Enzensberger habe eine positiven Eindruck gewonnen, er will Thomas zu einem weiteren Gespräch einladen. „Er schaut einem in die Augen, er kann lachen und sich ausdrücken - der Funke ist definitiv übergesprungen.“