Zwei Seiten einer Medaille

Zwei Seiten einer Medaille

Am Freitag haben sie in der Erich-Fried-Gesamtschule gefeiert. Am vergangenen Samstag und Sonntag machten sie in der Historischen Stadthalle die Nacht zum Tage. Endlich Abitur, endlich beginnt ein Leben ohne Stundenplan und Hausaufgaben.

Eltern und Großeltern, Onkel, Tanten und ältere Freunde haben die nun ehemaligen Schülerinnen und Schüler in dem Glauben gelassen. Nichts soll die schönste Zeit der Schullaufbahn trüben. Die Stunden der Leichtigkeit, des Lachens über die zahllosen Anekdoten aus 13 beziehungsweise zwölf Schuljahren bedürfen keiner altklugen Zeigefinger. Sie verdienen vielmehr Respekt für und Demut vor denen, die geleistet haben, was da überschwänglich, jugendlich leicht gefeiert wurde. Das Abitur ist der höchste schulische Bildungsabschluss in Deutschland. Ihn zu erreichen, ist nicht irgendetwas.

Erst recht nicht unter den Umständen, unter denen auch in Wuppertal Kinder und Jugendliche auf die Welt der Arbeit vorbereitet werden. Es ist längst nicht alles Gold, was glänzt. Umso bemerkenswerter ist es, dass es in jedem Jahr immer noch mehr als 1500 Jugendlichen gelingt, die allgemeine Hochschulreife zu erlangen. Der Dank dafür gebührt auch den Lehrerkollegien, die unter teils schwierigsten Umständen um die besten Ergebnisse kämpfen.

Aber zur Wahrheit gehört ebenso, dass sehr viele Lehrer diesen Kampf verlieren. In Wuppertal stehen gut 1500 Abiturienten etwa 1800 Jugendliche gegenüber, die trotz Lehrstellenüberflusses keiner Ausbildung nachgehen. Sie stammen zumeist aus sogenannten bildungsfernen Schichten, mit Eltern, die sich in ihrem Hartz-IV-Dasein eingerichtet haben, oder mit alleinerziehenden Müttern oder Vätern, die es als Berufstätige nicht auch noch schaffen, sich um die Schulpflichten ihrer Kinder zu kümmern.

Den 1500 Abiturienten stehen Grundschüler gegenüber, die in schmutzigen Anziehsachen, ohne Frühstück und auch ohne Hausaufgaben in Klassen kommen, in denen von 28 Kindern einige der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig und andere wegen körperlicher oder geistiger Beeinträchtigungen besonderen Förderbedarf haben. Doch der wird mangels Personal kaum oder gar nicht befriedigt.

Durch Wuppertal geht ein Riss. Das ist kein Geheimnis. Politiker wissen das, Schuldezernenten wissen das, und Lehrer wissen es erst recht. Aber die Schreie der Pädagogen verhallen ungehört hinter vorgehaltener Hand. Offen sprechen sie nicht aus, was vermeintlich unübersehbar ist. Zu groß ist die Gefahr, dass sie für ihre notwendige Ehrlichkeit mit niedrigeren Anmeldezahlen und folglich mit noch weniger Lehrerstellen bestraft werden. Das ist in vielen Städten so, aber in Wuppertal ist es durch das jüngste Bevölkerungswachstum herausfordernder. Daran ändert auch eine 7. Gesamtschule nichts. Unter den bestehenden Bedingungen für Schulen, Schüler und Lehrer ist sie nicht viel mehr als ein kosmetisches Pflästerchen für Wuppertals Osten, wo sie hoffen muss, in absehbarer Zeit genügend abiturfähige Kinder in die Oberstufe zu bekommen.

An all dem sind weder Schuldezernenten noch Kommunalpolitiker die Hauptschuldigen. Sie tragen mit einer duldenden Trägheit allenfalls dazu bei, dass Landes- und Bundespolitiker ihre Arbeit nicht ordentlich machen. Deutschland gibt viel zu wenig Geld für Bildung aus. Städte wie Wuppertal, Gelsenkirchen, Pirmasens und Saarlouis bezahlen dafür eine höhere Zeche als Stuttgart, Heidelberg und Sindelfingen. Je reicher ein Bundesland ist, desto besser ist das Bildungswesen ausgestattet.

In Wuppertal haben in diesem Jahr gut 1500 junge Frauen und junger Männer ihr Abitur gemacht. Das ist eine helle Freude und aller Ehren wert. Aber es wird Zeit, dass sich die Vorzeichen in Grund- und weiterführenden Schulen ändern. Sonst kommt nach dem Fachkräfte- der Abiturientenmangel. Und zuerst kommt er in Städten wie Wuppertal mit allen Folgen für Arbeitsmarkt und Wirtschaft.