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Wuppertaler Schausteller: „Uns fehlt die Perspektive“

Veranstaltungen : Schausteller hoffen noch auf eine kleinere Kirmes am Stadion

Absagenflut trifft die Branche hart. Viele Existenzen sind durch die Folgen der Corona-Pandemie bedroht.

Am ersten Juni-Wochenende wäre es in Wuppertal rund gegangen. Bleicherfest und Luisenfest hätten die Trödler gelockt — und rund um das Stadion am Zoo die Megakirmes viele Besucher. Während die Organisatoren der Flohmärkte angesichts der Corona-Krise schnell die Reißleine zogen und die Veranstaltungen bereits vor Wochen absagten, sieht der Schaustellerverein Wuppertal zumindest noch eine kleine Chance, die Kirmes über die Bühne bringen zu können. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Sprecher Michael Petersen.

Das generelle Verbot für Großveranstaltungen, das zunächst bis zum 31. August gilt, hänge ja von einigen Faktoren ab und sei auch unklar formuliert, so Petersen. Gehe man von mehr als 1000 Besuchern als Definition für eine Großveranstaltung aus, sieht der Schaustellerverein zumindest noch die Möglichkeit einer kleineren Kirmes. „Am Stadion wäre das möglich“, sagt Petersen. Man könne über den Eingang regeln, dass nur maximal 900 Besucher gleichzeitig auf dem Gelände sind.

„An der einen Seite werden sie reingelassen und an der anderen raus.“ Auch sonst könnte der Verein für die Einhaltung der Auflagen, etwa beim Thema Hygiene sorgen. „Und natürlich würden wir die Abstände kontrollieren“, so Petersen. Karussells würden zum Beispiel nicht vollbesetzt. Damit sich die Besucher mehr verteilen, sei eine Idee zudem, die Kirmes statt nur an vier auf sieben Tage zu erweitern.

Man habe sich viele Gedanken gemacht, so Petersen. Ein Vorlauf von zehn Tagen reiche den Schaustellern. Wenn es dann grünes Licht gebe, könnte man loslegen. Es klingt allerdings nach viel Zweckoptimismus. Motto: Alles ist besser als eine Totalabsage.

Doch die droht. Auch Matthias Nocke, Ordnungsdezernent der Stadt Wuppertal, macht dem Verein angesichts der vielen bereits erfolgten Absagen wie etwa der Rheinkirmes in Düsseldorf oder des Schützenfestes in Neuss wenig Hoffnung. „Bei allem Verständnis für die schwierige wirtschaftliche Situation der Schausteller, kann ich mir aktuell nicht vorstellen, dass am ersten Juni-Wochenende rund ums Stadion die Megakirmes stattfindet.“

Für die Schausteller ist das bitter. Dass unter anderem das Oktoberfest schon gecancelt worden sei, ziehe einen Dominoeffekt nach sich. „Jeder denkt jetzt: Können wir unsere Veranstaltung dann machen?“, sagt Petersen. Dabei sei das Volksfest in München gar nicht mit einer kleineren Kirmes vergleichbar.

Die folgenden Kirmesveranstaltungen des Schaustellervereins, der rund 20 Mitglieder — vom Imbisswagen bis zum Karussellbetreiber — hat, sind für Ronsdorf (August) und Cronenberg (September) geplant. Beides kleine Veranstaltungen, so Petersen. Die letzten richtigen Einnahmen habe es bei den Weihnachtsmärkten gegeben, sagt Petersen. Ende Februar habe noch die kleine Kirmes auf dem Berliner Platz stattgefunden. Das erste größere Opfer der Corona-Krise war die Frühjahrskirmes, mit dem der Verein eigentlich den „neuen“ Carnaper Platz wieder als Kirmesplatz reaktivieren wollte. „Wir hatten schon tolle Fahrgeschäfte zusammen“, ist Petersen enttäuscht. Wie es weitergeht, sei offen. „Welcher Schausteller-Betrieb überlebt?“, fragt er angesichts der Krise.

„Was fehlt, ist die Perspektive“, erklärt Michael Müller, Vorsitzender der IG Schausteller, der zweiten Schaustellervereinigung in Wuppertal mit etwa zehn Mitgliedern. Es gebe Veranstalter, die hätten schon ihre Termine bis Weihnachten abgesagt. „Eine richtige Planung ist für uns momentan gar nicht möglich.“ Gerade bei der Schaustellerei seien es oft Familienbetriebe, denen jetzt die Einnahmen fehlen. „Und das Frühjahr lief schon nicht gut. Karneval war zum Beispiel verregnet.“

Müller, dessen Familie seit Jahrzehnten im Schaustellergewerbe tätig ist, hat einen kleinen Fuhrpark an Imbiss- und Grillwagen. So eine Situation habe er noch nie erlebt. Er sei oft auf Musikfestivals unterwegs wie dem Summer Jam in Köln. Auch das wurde abgesagt. Fest steht er täglich mit einem Wagen auf dem Neumarkt. Doch dieses Geschäft leide ebenfalls in Corona-Zeiten. „Der Umsatz ist um zwei Drittel zurückgegangen. Und da kann man sich ausrechnen, dass dann kein Verdienst übrig bleibt.“ Noch schlimmer würde es aber die Schausteller treffen, die Fahrgeschäfte betreiben. „Die haben praktisch gar nichts derzeit.“