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Guckst Du Straße…?: Wuppertaler teilen Blick aus dem Fenster

„…Guckst Du Straße…?“ : Wuppertaler teilen Blick aus dem Fenster

Seit knapp sechs Wochen steht das öffentliche Leben quasi still. Die Initiative „Die Wüste lebt“ ruft auf, die Sicht aus dem Fenster zu teilen.

Seit knapp sechs Wochen steht das öffentliche Leben quasi still. Überall in Deutschland sind die Menschen aufgefordert zu Hause zu bleiben, um die Infektionskette des Coronavirus zu unterbrechen. Diese Isolationserfahrung ist für viele Menschen neu. „Alle sind viel zu Hause und haben Zeit über sich und die Realität nachzudenken“, sagt Roland Brus, Leiter des Projektes „Die Wüste lebt“. Das Kunstprojekt unter Trägerschaft der Färberei hat deshalb die Aktion „…Guckst Du Straße…?“ ins Leben gerufen. Dabei geht es darum, den Ausblick aus dem Fenster zu fotografieren und zusammen mit einer persönlichen Nachricht online zu stellen.

Die Idee zu der Aktion hatten Uwe Schorn, Daniela Raimund, Olaf Reitz und Roland Brus, weil sie wegen des Kontaktverbots draußen keine Aktionen machen können. „Es ist eine Kontaktaufnahme in einer schwierigen Zeit und ein Zeichen der Verbundenheit“, sagt Brus. Mit der Coronakrise verändere sich der Blick auf die Welt draußen vor dem Fenster. „Wir wollen wissen, was sind die Gedanken, Ängste und Wünsche der Menschen“, sagt Brus. Diese Vielheit der Erfahrungen wolle die Aktion „…Guckst Du Straße…?“ abbilden und zugleich zeigen, dass es viele Menschen gibt, denen es genauso geht.

Die Fotos und Nachrichten zeigen ein ganzes Panorama an Gedanken und Gefühlen. Ein wiederkehrendes Thema ist die Verunsicherung. Kenan aus Heckinghausen blickt auf die Häuserfassade gegenüber und thematisiert die Angst, die viele Menschen vor dem Coronavirus haben und zieht Schlüsse daraus, was wirklich zählt: „Diese Pandemie hat mir gezeigt, dass es egal ist, ob du reich oder arm bist, schwarz oder weiß, Deutscher oder Chinese, gebildet oder nicht. Corona könnte uns alle treffen. Wir haben alle dieselben Ängste (…)“. Marianne aus Barmen findet bei dem Blick aus einem Mehrfamilienhaus, dass eigentlich alles ganz normal aussieht, fragt sich aber: „Was geht wohl in meinen Nachbarn gegenüber vor, sind sie ängstlich, isoliert, arbeitslos, in ihrer Existenz bedroht? Und schräg gegenüber im Altenheim, was mag da wohl jetzt los sein?“.

Auch das Naturerlebnis ist immer wieder Thema in den Posts. „Ich habe mich einfach nur über diesen Anblick gefreut“, schreibt Nicole aus Barmen beim Anblick des blühenden Kirschbaums vor ihrem Fenster.

„Es ist an sich schon berührend, dass Menschen sich die Mühe machen, ihre Empfindungen zu teilen“, sagt Roland Brus. Die Einschränkungen machten vielen Menschen zu schaffen. Marvin aus Wichlinghausen findet es schwierig, Zuhause zu bleiben, vor allem bei dem schönen Wetter. „Mir macht diese Zeit doch schon sehr zu schaffen. Ich bin/war daran gewöhnt, mich jederzeit, wenn es denn mein Zeitplan erlaubt, mit Menschen in Kontakt zu treten.“ Camilla aus Verona sucht sich trotz Ausgangssperre einen Weg in die Freiheit: „Seit dem 9. März sind wir im Hausarrest und so langsam verlieren wir die Geduld. Jeden Tag fahre ich ins freie Land mit meinem Hometrainer!“

Die Macher der Aktion wollen von Wuppertal ein Panorama aufmachen, um sich mit der Welt zu verbinden. Fotos und Nachrichten aus Italien, Russland und England, Argentinien und den USA zeigen, dass viele Menschen das Bedürfnis haben, ihre Gedanken zu teilen. Dadurch kann jeder, der möchte, einen Eindruck bekommen, wie es Menschen geht, die in direkter Nachbarschaft oder in ganz anderen Teilen der Erde leben.