Freizeit: Wuppertaler begeben sich auf die Spuren der Zuwanderer

Freizeit : Wuppertaler begeben sich auf die Spuren der Zuwanderer

Neue Stadtführung wirft einen Blick auf 300 Jahre Migration in Wuppertal. Am Samstag war Premiere.

Angesichts von Menschen aus rund 150 Nationen, die in Wuppertal leben, ist es verwunderlich, dass das Thema „Zuwanderung“ bei den Stadtführungen bislang keinen eigenständigen Schwerpunkt hatte. Das ist seit dem vergangenen Samstag anders – am Bahnhof in Elberfeld startete eine Tour zur Geschichte der Zuwanderung. Stadtführer Johannes Schlottner setzte im Auftrag der Wuppertal Marketing GmbH etwa 20 Teilnehmer auf die Spuren der Zugewanderten und Flüchtlinge, die seit nunmehr 300 Jahren in Wuppertal eine neue Heimat gefunden haben beziehungsweise noch finden. Zusammengestellt wurde die zweieinhalb Stunden dauernde Stadtführung mit dem Titel „Von Waldeck und aus Syrien“, die künftig zwei- bis dreimal pro Saison angeboten werden soll, von dem Lokalhistoriker Michael Okroy und der Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz.

Am Hauptbahnhof entsteht der erste Kontakt zur Stadt

Dass sich die Gruppe am Bahnhof traf, war nicht nur organisatorischen Gründen geschuldet, sondern hatte auch einen thematischen Anlass. Schließlich ist der Bahnhof für Touristen, Geschäftsreisende und Zuwandernde gleichermaßen das Eingangstor zur Kommune, der Ort, wo der „erste Kontakt zur Stadt“ geknüpft wird, wie Schlottner betonte. Der Bahnhof am Döppersberg sei zudem ein „sehr markantes“ Gebäude und mit seinem Eröffnungsjahr 1848 deutschlandweit einer der ersten Bahnhöfe, die in Betrieb gingen.

Das war kein Wunder, war Elberfeld doch eine „prosperierende Stadt“, deren Einwohnerzahl zwischen 1807 und 1910 um rund 300 000 stieg. Dazu trugen auch Zuwanderer aus der Region und dem Umland bei, die in Elberfeld eine Beschäftigung in den Fabriken fanden und dafür ihre Höfe aufgaben. Und nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Anwerbeabkommen der Bundesrepublik hinzu, die mit zahlreichen südeuropäischen Ländern geschlossen wurden und ab 1960 viele „Gastarbeiter“ (so der damals gängige Ausdruck) anlockten.

Vom Hauptbahnhof zog die Gruppe zum Kirchplatz vor die evangelische City-Kirche. Dort verwies Schlottner auf die sozialen Ungleichheiten, die im Zuge der Industrialisierung entstanden. Auf dem Armenpflege-Denkmal wird der Erfinder  des Elberfelder Systems gedacht: Gustav Schlieper, Daniel von der Heydt und David Peters. Das Denkmal zeigt eine Frau, die einen Bedürftigen speist. „Das könnte auch ein Migrant gewesen sein“, erzählte der Stadtführer.

Lokalhistorie wird aus einer anderen Sicht aufbereitet

Dass das Zusammenleben der Kulturen und Religionsgemeinschaften aber immer wieder bedroht werden kann, wurde bei der Station an der Begegnungsstätte Alte Synagoge deutlich. Von der Elberfelder Synagoge, die in der Pogromnacht vom November 1938 zerstört wurde, sind nur noch Fragmente zu sehen. Schlottner erinnerte überdies daran, dass es Juden bis Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland untersagt war, sich an einem beliebigen Ort niederzulassen. Erst durch die Einführung des von Napoleon erlassenen und 1804 veröffentlichten Code Civil erhielten sie auch hierzulande mehr Freiheiten. Die aber nicht von größerer Dauer waren, wie die NS-Zeit ab 1933 in tragischer Weise deutlich machte.

Die Teilnehmer der Stadtführung hörten Schlottner aufmerksam zu und trugen auch immer wieder eigene Infos zum Thema bei. Sie finde es interessant zu erfahren, „wo die Leute herkommen“, sagte Martina Jäger, die mit ihrer Mutter Rita Löffler in der Gruppe unterwegs war. Durch den Fokus auf das Thema „Zuwanderung“ werde die Lokalhistorie einmal aus einer anderen Sicht aufbereitet, lobte sie.

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