Wuppertal als Reallabor für das Teilen

Wuppertal als Reallabor für das Teilen

Wissenschaftler erforschen, wie eine Stadt vom Tauschen profitieren kann.

Seit jeher gebrauchen Menschen Dinge des Alltags gemeinsam. Teilen gehört zum Zusammenleben dazu, kann Verbindung schaffen und spart in einer industrialisierten Welt außerdem Ressourcen. Eine neue Bedeutung verleiht dem Teilen das Internet, das aus dem gemeinschaftliche Nutzen einen Trend und eine Wirtschaft geschaffen hat. Dies ruft nicht nur positive Effekte hervor, sondern zielt auch auf schnelle Verfügbarkeit von Gütern und auf zugänglicheren Konsum ab.

Auf welche Weise das Teilen — englisch Sharing — in einer Stadt fest etabliert und positiver Bestandteil der Gesellschaft werden kann, damit wollen sich in den kommenden fünf Jahren junge Wissenschaftler der Forschungsgruppe „UrbanUp“ in Zusammenarbeit mit dem Wuppertal Institut, das Collaborating Center on Sustainable Consumption and Production (CSCP) und der Bergischen Universität befassen.

Es sollen Strategien entwickelt werden, wie der Gedanke des nachhaltigen Teilens der breiten Masse zugänglich gemacht und umgesetzt werden kann. „Es geht nicht darum, Sharing-Vermittlungsplattformen in Wuppertal groß zu machen, sondern darum, zu überlegen: Was könnte eine Urban Sharing Society sein“, erklären Karoline Augenstein und Alexandra Palzkill-Vorbeck, Leiterinnen des Projekts. Die Idee der Teilhabe solle in den Mittelpunkt gestellt und bestenfalls sozial und ökologisch positive Effekte haben.

Dabei dient Wuppertal als Reallabor, die Forschung soll also hier stattfinden und praktische Anwendung finden. „Die Stadt ist eine typische Großstadt mit all ihren Problemen und Zukunftswünschen“, erklärt Karoline Augenstein. „Hier gibt es eine sehr engagierte Zivilbevölkerung mit vielen Initiativen, die ihre Arbeit oft mit Quartiersentwicklung verknüpfen. Außerdem engagieren sich viele Unternehmen für die Zukunft der Stadt. Für uns ist es sehr spannend, das zu beobachten und zu schauen, wo die Ideen des Teilens anknüpfungsfähig sind und wo sie so ausgebaut werden können. Davon sollen dann andere Städte lernen.“

Hinzu kommt, dass in Wuppertal ohnehin viel getauscht und geteilt wird. Urban Gardening-Projekte, Foodsharing- und Bücherschränke sind einige Beispiele dafür, wie Wuppertaler einander an ihrem Besitz teilhaben lassen. Insgesamt acht Doktoranden und Angehörige der Bergischen Universität untersuchen nun, wie sich Ideen des Teilens in die Entwicklung einer Stadt nachhaltig integrieren lassen und sich vorteilhaft auf das Sozialleben und den Umgang mit vorhandenen Gütern auswirken können.

Dabei gilt es, sich eingehend mit den einzelnen Akteuren, die in Wuppertal eine Rolle spielen, auseinanderzusetzen. Denn um zu verstehen, wie eine Stadt sich in Richtung einer „Urban Sharing Society“ verändern kann, müssen Wirtschaft, Bürgerinitiativen und die Politik, also unterschiedliche Disziplinen und Aspekte, intensiv untersucht werden. „Man muss eine Stadt verstehen, präsent vor Ort sein, die Eigenart einer Stadt erfassen können, damit eine Forschung wie unsere auch einen praktischen Nutzen hat“, erklärt Alexandra Palzkill-Vorbeck.

Noch befindet sich die „UrbanUp“-Gruppe in der ersten Phase ihrer Arbeit, in der Ziele für die eigentliche Forschungsarbeit gesetzt, das Team gebildet und Gespräche mit Praxispartnern geführt werden. Im Sommer soll es schließlich in die eigentliche Forschung gehen, die insbesondere durch Workshops und praktische Experimente geprägt sein soll.

Das Projekt wird mit 2,2 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

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