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Uwe Becker wollte mit der Schwebebahn ans Mittelmeer

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Uwe Becker wollte mit der Schwebebahn ans Mittelmeer

Der WZ-Kolumnist schwelgt in Kindheitserinnerungen und wird durch den Ersatzverkehr jäh in die Realität zurückversetzt.

Beim Abwasch höre ich gerne Radio. Oft WDR 4, weil ich zur Zielgruppe gehöre. Und auch, weil ein Wuppertaler, Jochen Rausch, Programmchef ist. Ich mag es, wenn Wuppertaler Frauen oder Männer draußen in der großen Welt erfolgreich sind, aber Wuppertal noch immer ihre Heimat ist, in der sie leben und wohnen. Ich bleibe trotz mäßiger Erfolge einfach hier, da bin ich stur.

Wenn ich das Geschirr abtrockne, favorisiere ich übrigens WDR 3: Vivaldi, Bach, Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, ich könnte noch mehr aufzählen, aber es muss reichen. Jeder Mensch ist frei zu entscheiden, welche Musik er hören will, wenn er sich mit irgendwas beschäftigt. Manch einer hört nie Musik, höchstens aus Versehen. Beim Bügeln würde ich deutsche Schlagermusik hören. Zum Glück bügele ich nicht, hänge alles nur nass auf und höre dazu Free-Jazz. Wenn alles trocken ist, falte ich es. Beim Kochen von spanischen Spezialitäten gönne ich mir, neben einem Glas Rioja, auch gerne mal den Deutschlandfunk.

Zwischendurch die Meldung: „Reisewarnung für Katalonien…“. Da wurden Erinnerungen wach. Bereits im Sommer 1959 drückte ich meinen nackten Hintern in den Sand der Costa Brava. Ich war noch keine fünf Jahre, aber bereits mega urlaubsreif, kein Wunder, hatte ich doch einen drei Jahre älteren Bruder, der mich gerne triezte. Überhaupt genoss ich die Jahre vor meiner Einschulung in vollen Zügen. Da meine Eltern aus beruflichen Gründen nur außerhalb der Schulferien verreisen konnten, war mein Bruder einige Male nicht dabei, er musste ja zum Unterricht und wurde von Großmutter versorgt, die für diese Zeit vom Ölberg nach Heckinghausen übersiedelte.

Die Reise in den Süden begann am frühen Morgen, fast noch in der Nacht. Wir hatten einen VW-Käfer. Ich bekam ein Nest im Stauraum hinter der Rückbank. Kaum lag ich zwischen Decken und Kissen, schlief ich ein. Als ich erwachte, waren wir schon in Frankreich – so geht Traumreisen. Ab Nancy hatten wir alle hartgekochten Eier und geschmierten Brote meiner Mutter aufgegessen. Meine Eltern kurbelten die Seitenfenster herunter und rauchten eine Zigarette. In der Nähe von Avignon übernachteten wir. Mein Vater bestellte im Hotel-Restaurant in der Landessprache, flirtete mit der Bedienung, verriet uns aber nicht, was wir gleich essen durften. Natürlich bestellte er etwas, was Mutter auch gerne aß, er liebte sie ja. Als der Teller kam, strahlte sie glücklich – Urlaub gerettet.

Am Nachmittag des nächsten Tages erreichten wir nach fast 1400 Kilometern Blanes, eine kleine Stadt in der Region Girona. Wir hatten einen Bungalow direkt am Meer. Es war heiß. Spanien roch faschistisch. Meine Eltern wählten SPD. Ich lief nackt am Strand herum. Es gab eiskalte Coca Cola und gebackene Sardellen. Wir verbrachten noch viele Urlaube dort. Als Kind freute ich mich schon Monate vorher auf das Meer, den Sand und die köstlichen Weintrauben, die am Hang direkt neben unserem Bungalow greifbar nah reiften.

Damals träumte ich davon, man könnte mit der Schwebebahn mit wenigen Haltestellen bis zum Mittelmeer fahren: Alter Markt - Montepellier - Perpignan - Blanes (Preisstufe D). Das wäre jetzt natürlich blöd, weil sie nur samstags und sonntags fährt. Und mit dem Schwebebahn-Ersatzverkehr bis ans Mittelmeer? Ohne mich.