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Café Anker: Weihnachten wird niemals im Leben vergessen

Café Anker: Weihnachten wird niemals im Leben vergessen

Im Café Anker an der Zanellastraße siegen Erinnerungen über Demenz – eine Feier lang.

Barmen. Der Tisch ist mit Tannengrün, Glöckchen und Süßigkeiten geschmückt, von der Tür her erscheint der Nikolaus im weißen Bischofsgewand. Gabi Szwiertzymski stimmt "Alle Jahre wieder" an. Die Senioren im Café Anker singen drei Strophen mit. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Besucher des Cafés sind dement, können sich kaum oder nicht erinnern, was sie Minuten vorher getan haben.

Doch wenn es um das Singen oder Gedichte aufsagen geht, kommt die Erinnerung wieder. "Früher wurde ja im Familien- und Freundeskreis viel gesungen", sagt Gabi Szwiertzymski, die das Café Anker der Caritas in der Zanellastraße leitet. Seit drei Jahren besteht das Angebot, das sich an die Angehörigen von Demenzkranken wendet. Jeden Mittwoch von 14 bis 16.30 Uhr können sie ihre Angehörigen in das Café bringen. Dort werden die Demenzkranken von Ehrenamtlichen, die geschult sind, liebevoll betreut.

"Wir wollen vor allem, dass sich die Senioren bei uns wohl fühlen, dafür tun wir alles", sagt Gisela Bergemann, die selbst ihre demenzkranke Mutter über Jahre gepflegt hat. Sie habe dabei nicht alles richtig gemacht, ihre Mutter auch überfordert. "Eine Frage, die mit einem, W’ beginnt, sollte man einem Demenzkranken nicht stellen. Er kann damit nichts anfangen", sagt sie. "Wie heißt du", "Wie alt bis Du", das können die Kranken nicht beantworten. Nach dem Tod ihrer Mutter hat die Ehrenamtliche etwas für die pflegenden Angehörigen tun wollen. "Wenn die Demenzkranken bei uns im Café Anker sind, können die Angehörigen einkaufen gehen oder einfach mal schlafen."

Gisela Bergemann, Hildegard Sterz und Ute Rübel helfen gerne im Café Anker. Sie achten auf die Grundstimmung der Demenzkranken, entscheiden, was ihnen an dem Tag zugemutet werden kann, was sie verarbeiten können. "Die Kranken haben auch ein feines Gespür für Stimmungen", sagen die Helferinnen, "wenn die Stimmung gereizt ist, merken sie das und fühlen sich unwohl".

"Ich freue mich, wenn unsere Gäste ruhig und entspannt sind, dann haben wir alles richtig gemacht", sagt Ute Rübel. "Freue Dich, Christkind kommt bald" erklingt - und Nikolaus Hans Osterberg verteilt süße Geschenke, die freudig entgegen genommen werden. Der Duft von Bratäpfeln steigt aus dem Backofen.

"Auch an die Düfte von früher erinnern sich die Demenzkranken", sagt Melanie Löber. Ein 71-jähriger Gast hat gleich zwei Bratäpfel verputzt, er ist sonst ein schlechter Esser. Seine Nachbarin pult die Rosinen aus dem Bratapfel. Sie hat noch nie Rosinen gemocht, das wissen die Helferinnen. Ein letztes Weihnachtslied erklingt: "Morgen Kinder wird’s was geben". Alle singen mit.

"Der Kopf vergisst, das Herz aber nicht", sagt Ute Rübel. Der Nikolaus nimmt den Bischofsstab und verlässt das Café. Im nächsten Jahr ist er wieder da - und bringt Erinnerungen mit. Hans Osterberg freut sich darauf: "Herzenssache."