Kolumne Spielen am Abgrund: Ist das System noch relevant?

Wuppertal · Torsten Krug über Kunstschaffende in der Coronakrise.

 Torsten Krug

Torsten Krug

Foto: Fischer, A. (f22)/Fischer, Andreas (f22)

An Pfingsten, dem Fest, an dem Geist über uns kommen soll, haben rund 50 Berufsmusikerinnen und -musiker nahe der Tagebaukante Garzweiler Beethovens 6. Symphonie aufgeführt, um gegen den Klimawandel ein Zeichen zu setzen. Beethoven liebte die Natur, in seiner „Pastorale“ hat er dieser Liebe Ausdruck gegeben.

Gibt es ein besseres Bild für unsere derzeitige Lage? Wir spielen am Abgrund – Pandemie-bedingt vereinzelt, gleichwohl verbunden, mit wenig Präsenz-Publikum, dafür mit noch mehr Ringen um Symbolkraft. Der Abgrund ist der ungehindert fortschreitende, menschengemachte Klimawandel und der weiter verantwortungslose Umgang mit unseren Lebensgrundlagen, mit Mensch und Tier. Doch der Abgrund ist auch: die existenzielle Bedrohung der Künste selbst. Wann werden wir uns alle unter für selbstverständlich gehaltenen Umständen wiedersehen?

Im Streaming-Portal des Berliner Ensembles ist aktuell Heiner Müllers legendäre Inszenierung von Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ zu sehen, die seit über 20 Jahren um die Welt tourt. Über zwei Stunden hechelt und spuckt Martin Wuttke mit überbordender Präsenz über die Bühne, nimmt als Ui Unterricht beim „Schauspieler“, verkörpert vom damals 91-jährigen Bernhard Minetti, und entwickelt sich zum Sprache kotzenden Demagogen, bei dessen Duktus – und spricht er auch nur vom Gemüsehandel – uns das Lachen im Hals stecken bleibt. Die Aufzeichnung von 1996 auf dem heimischen Laptop zu sehen, mutet an wie der Blick in eine ferne Welt, von der wir aktuell abgeschnitten sind. Wie sehr muss es ein Ereignis gewesen sein, dieser Aufführung beizuwohnen, gemeinsam im altehrwürdigen Theater am Schiffbauerdamm gesessen, gelacht und möglicherweise gezittert zu haben!

Die Kunst kann sich gerade vor Themen nicht retten. Und doch sind wir zum Stillstehen, zum Schweigen, zu Berufsverboten verdammt. Mit Diktatur hat das selbstverständlich gar nichts zu tun. Im Gegenteil wird mir gerade in diesen Zeiten immer wieder die Bedeutung und der Reichtum beispielsweise unserer Presselandschaft bewusst. Niemand muss sich in den Untiefen von Youtube-Videos verlieren, um unterschiedliche Wahrheiten ans Licht zu bringen. Die Systemrelevanz des Journalismus steht für mich außer Frage. Und das große Archiv an Aufführungen im Netz, an Musik, an Literatur, Bildern? Wer hat es geschaffen, wenn nicht die Künstlerinnen und Künstler samt assoziierter Berufe? Längst würde das Geschaffene, das Abgelieferte bis an unser aller Lebensende reichen. Doch wie lange können die Künste unter diesen Bedingungen überleben? Künstlerinnen und Künstler brauchen den Austausch, die Präsenz, Resonanz. Dies scheint in diesen Tagen nur möglich, wenn wir uns für die Aufführung eines Theaterstückes oder eines Konzertes in einen Flieger setzten. Die haben so gute Lüftungen, habe ich gehört. Sieht man die Planbeispiele von eng besetzten Flugzeugen im Vergleich mit dem zerrupften Zuschauerraum eines Theaters, kann man fragen, weshalb hier die Auflagen wie in einem Hochsicherheitstrakt, dort dagegen außer Kraft gesetzt und mit Rettungspaketen zugeschüttet scheinen. Begründung der Fluggesellschaften übrigens: Mit weniger besetzten Plätzen würde es sich nicht rechnen. Achso. Vielleicht sind wir ja im aktuellen System tatsächlich nicht relevant. Vielleicht ist es vielmehr an der Zeit, das System zu ändern? Ich jedenfalls würde mich inmitten eines hinter Masken lachenden Theaterpublikums deutlich sicherer fühlen.

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