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Uwe Becker über sein Wuppertal: Demokratischer Turbokapitalismus

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Demokratischer Turbokapitalismus

Unser Kolumnist Uwe Becker über die Natur, die Mauer auf dem Döppersberg und die Oberbürgermeisterwahl.

„Die Natur erholt sich!“ Diesen Satz hört man in letzter Zeit oft. Doch stimmt das auch? Gerade erst wurde berichtet, dass die umstrittene Mauer aus Naturstein am Döppersberg bereits teuer und aufwendig saniert werden muss. Bei Steinen erholt sich die Natur anscheinend nicht, oder könnte es auch daran liegen, dass die Verantwortlichen der Stadt für den Bau dieser höchst absonderlichen Mauer qualitativ schlechte Natursteine eingekauft haben? Die preiswerteste Lösung wäre, wenn ein paar Verschwörungs-Heinis und Corona-Demonstranten laut und schräg „Wir sind das Volk“ grölen würden, vielleicht fällt sie dann einfach um, so wie die Berliner 1989.

Die Natur selber ist auch ganz schön hart und erbarmungslos, auf Deutsch gesagt. Beispiel Hagel! Kann mir bitte einer erklären, was an Hagel sinnvoll ist? Okay, Regen ist sehr wichtig, aber muss er so hart runter kommen? Das sind total unnötige Naturphänomene - sorry! Die Natur kann auch ihr hässliches Gesicht zeigen und gewaltigen Schaden anrichten. Nicht nur, weil der Mensch vorher verantwortungslos in die Natur eingegriffen hat, indem er Autobahnen durch Naturschutzgebiete gebaut hat oder Kohlekraftwerke in ein Naherholungsgebiet. Die Natur kann ohne große Vorwarnung aggressiv zurückschlagen, denken sie mal an die Erdbeben. Wie der Mensch, so die Naur, warum auch nicht? Von gefährlichen Tieren, wie Schlangen und Krokodilen, möchte ich gar nicht erst anfangen.

Als Kind habe ich nach einem Besuch des Schlangenhauses im Wuppertaler Zoo zwei Tage im Bett gelegen, weil mir aus Furcht und Ekel Speichel aus dem Mund lief. Es war schrecklich. Alle Handtücher waren klatschnass. Ich wollte mich übergeben, konnte aber nicht. So gnadenlos verstörend können Erlebnisse mit der Natur auch für Kinder sein, aber ich kam wieder auf die Beine - na ja, vielleicht passt dieses Ereignis jetzt nicht unbedingt zum Thema, aber es fiel mir gerade ein. Natürlich geben wir durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie der Natur ein wenig Zeit, um kräftig durchzuatmen, die Luftqualität verbessert sich, der Himmel ist klar und rein. Weniger Autos und Flugzeuge verpesten den Luftraum. Wenn die Menschen mal öfter zu Hause bleiben, auch wenn es nur ein paar Wochen sind, profitiert die Natur sichtbar.

Allerdings ist damit bald wieder Schluss, denn jetzt feiern viele erst mal krass die neuen Lockerungen - warten wir’s ab. Die Natur kann sich erholen, wenn man Schadstoffe vermeidet. Die Leber kann das auch, wenn man Alkohol weglässt. Aber wenn man wieder anfängt zu saufen, werden die Leberwerte erneut schlechter. Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich trinke gerne ein Glas Wein oder ein kühles Bier, und man soll auch mit dem Auto aufs Land fahren dürfen, besonders dann, wenn es nicht anders geht, weil Oma, Opa oder Erbtante dort wohnen, wo man nicht gerne tot überm Zaun hängen möchte. Nicht jedes Ziel kann so einfach mit Rad oder Bus erreicht werden, daher ist der Einsatz eines Automobils in Ausnahmefällen hinzunehmen. Wenn man die Natur mit Bedacht schädigt, hält sie einfach länger, und sie verkraftet das auch. Die Erde ist schon sehr robust, egal ob sie nun rund oder flach ist.

Ich stelle mir gerade vor, Xavier Naidoo wäre Bundeskanzler. Dann lief nach dem Tatort am Sonntag wahrscheinlich statt „Anne Will“ „Eva Herrmann“. Und „Markus Lanz“ würde durch „Attila Hildmann“ ersetzt. Hoffen wir, dass dies ein Alptraum bleibt. Wenn Frau Will und Herr Lanz allerdings schon jetzt ersatzlos wegfallen würden, wäre das schon ein Gewinn für uns alle.

Nach einem hoffentlich verregneten Sommer - die Natur braucht Wasser, wählen wir im September, mit oder ohne Maske, einen neuen Oberbürgermeister. Wir haben die Wahl zwischen Hafke, Mucke, Paschalis, Sander & Schneidewind. Hört sich fast an wie Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich. Höre gerade übrigens einen Song der Band. Wem ich bei der Wahl letztlich meine Stimme schenke, hängt davon ab, welcher der Kandidaten im Monatsmagazin ITALIEN, dessen Chefredakteur ich bin, eine Anzeige schaltet. Sollten zwei oder mehr Kandidaten dies tun, lasse ich das Los entscheiden. So geht demokratischer Turbokapitalismus.