Sinfoniker voller Schwermut und Schwärmerei

Sinfoniker voller Schwermut und Schwärmerei

Das Orchester zeigte gestern viel Gefühl. Chef-Dirigent Toshiyuki Kamioka wagte einen Blick in die slawische Seele.

Elberfeld. Wer sich am Sonntag durch den Wuppertaler Schnee zur Stadthalle gekämpft hatte, wurde belohnt: Das vierte Konzert des Sinfonieorchesters entschädigte für alle Unbilden des Wetters.

Enrica Ciccarelli ist die Solistin in Frédéric Chopins zweitem Klavierkonzert in f-Moll. Die Musikerin kostet ihren durchgängigen Solopart, dem das Orchester lediglich Klangfelder unterlegt oder ihn harmonisch stützt, in Elberfeld genüsslich aus.

Nach dem "Maestoso"-Beginn des Orchesters steigt die Pianistin - wie gerade improvisierend - mit rasenden Kaskaden-Läufen ein, die zum schönen Hauptthema führen.

Mit brillantem Spiel spinnt sie kantable Oktavgänge fort und ergeht sich im besinnlich fortlaufenden Spielwerk. Das zauberhafte, dreiteilige Larghetto verleitet die Pianistin nicht dazu, sich in intensiver Gefühligkeit zu verlieren. Stets bleibt sie Dienerin der Musik und sachgemäß distanziert. Das kommt dem zauberhaften Satz, den Chopin unter dem Eindruck einer unerfüllten Liebe schrieb, zugute. Im Finalsatz, einer brillanten Mazurka, darf sie stärker auftrumpfen und die kapriziöse Musik spritzig dahinjagen lassen.

Toshiyuki Kamioka lässt dem Klavier die Führung, dirigiert aber ein äußerst feinfühlig begleitendes und überlegt mitwirkendes Orchester.

Seine hohe Qualität beweist das Sinfonieorchester einmal mehr bei Sergej Rachmaninows zweiter e-Moll-Sinfonie. Noch im November erklang sie vom Philharmonia Orchestra London und wer will, kann Vergleiche anstellen: Für Dirigent Tugan Sokhiev war sie ein Kraftakt, der bewältigt werden musste, für Kamioka ist sie ein Eintauchen in die slawische Seele mit Schwermut, Schwärmerei, wilden Ausbrüchen und sehnsuchtsvollem Schwelgen.

Dabei legt Kamioka Wert darauf, die sinfonischen Zusammenhänge mit Hilfe dynamischer Entwicklungen hörbar zu machen: So wird deutlich, wie strahlend aus düster-verhaltenem Grummeln die Melodie anschwillt und erblüht, wie in sanftes Tändeln Unheilvolles einbricht, wie spannungsvolle Ruhe sich im Gewittertoben entlädt - die dabei durchgängig transparente Spielweise scheint singulär.

Das gefühlvolle "Adagio", dessen Hauptthema die Solo-Klarinette fortspinnt, atmet trotz überschattender dunkler Gedanken eine ruhige, heitere Gelöstheit. Eine Ruhe, die vor dem geistigen Auge sanft wogende Gräser im Steppenwind erscheinen lässt. Aufjauchzend und tänzerisch startet der Finalsatz mit den Kontrasten von explosiven Ausbrüchen und melodischen Wogen und endet mit dem hymnischen Seitenthema der Streicher triumphal.

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