1. NRW
  2. Wuppertal
  3. Kultur

Die Oper prägte die musikalische Kindheit von der Mezzosopranistin

Iris Marie Sojers erste Platte : „Hänsel und Gretel“ löst noch heute eine Gänsehaut aus

Iris Marie Sojers Opernkarriere begann schon am heimischen Plattenspieler - mit Hänsel udn Gretel. Aber auch Brittney Spears, Radiohead und Rammstein haben sie beeinflusst.

Auf ihrer Lieblingsplatte ist die Musik zur einer recht brutalen Geschichte gespeichert: Der von zwei Kindern, die sich im Wald verirren, von einer gruseligen alten Frau gefangen genommen und beinahe getötet werden. Die Musik dazu beinhalte alles an Magie und Mystischem, was es in der Kindheit gebe, sagt Iris Marie Sojer und strahlt. Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ war darüber hinaus einer der Gründe, warum die heute 30-Jährige Opernsängerin wurde. Ihre Mutter hatte sie ihr zum Hören gegeben, als sie vielleicht drei Jahre alt war. Die „Superaufnahme“ mit Dietrich Fischer-Dieskau, Anna Moffo und Christa Ludwig aus dem Jahr 1971 habe sie rauf und runter gehört, sie sei ihre erste bewusste Beschäftigung mit einer Oper gewesen.

Einer Oper, die sie jedes Jahr einmal live erlebte, mindestens bis zum Abitur. Die auch heute noch samt Story Lieblingsoper ist. Die Mutter habe ihr beim Märchen-Vorlesen erklärt, dass diese stets einen wahren Kern hätten. „Ich fand das spannend, und vor der Hexe habe ich mich sehr gegruselt.“ Hänsel, dieser „coole Rebell“, dagegen habe ihr imponiert. Bis heute kriege sie beim Hören eine Gänsehaut. Leider sei die Platte mittlerweile sehr zerkratzt. Sie fristet ihr Dasein im elterlichen Zuhause in Hannover, zusammen mit dem Plattenspieler - könnte aber ein Comeback erleben, wenn die Neu-Wuppertalerin durch ihren Freund, der Platten sammelt, Vinyl für sich (wieder-) entdecken sollte.

Ihren zweiten musikalischen Kindheitsschwarm machte Iris Marie dagegen selbst ausfindig: Mit knapp zehn Jahren kaufte sie die Single „Oops! … I Did It Again“ von Britney Spears bei Woolworth. Die CD sei dann reihum im Freundeskreis gegangen. Die Popmusik und Ihre Videos mit ihrer Mischung aus Tanz, Musik und Inszenierung seien schon „catchy und cool“, genau das richtige für einen angehenden Teenager. Iris Marie war begeistert, blieb mindestens drei Jahre dran, hörte weitere Songs der US-Amerikanerin, las ihre Biografie und hängte sich ihr Poster übers Bett. Auch Tokio Hotel habe sie damals viel gehört.

Von Britney Spears zu Apocalyptica und Radiohead...

Das änderte sich mit einer CD der Band Apocalyptica, die ihr Metal-Musik näherbrachte. Die acht Finnen spielten etwa Stücke von Metallica auf dem Violoncello ein. Später kam Rock, auch Rammstein, hinzu, eine Zeit verweilte Iris Marie bei „The Strokes“ und machte schließlich bei „Radiohead“ fest. Mit 16 Jahren, als sie nach England ging, begeisterte sie sich für die Musik der britischen Post-Hardcore-Band Enter Shikari, die sie live bei einem Konzert erlebte.

Die musikalischen Kontraste seien schon wichtig gewesen, erklärt Sojer. Ein gutes Ventil und Gegenstück zum beruflichen Weg. Der führte die in eine Opernsängerfamilie Hineingeborene über das Erlernen von Klavier und Cello in ein Gesangs- und Musiktheater-Studium. Und über das Opernstudio des Nationaltheaters Mannheim und Gastspiele nach Wuppertal, wo die Mezzosopranistin 2018 ins Ensemble aufgenommen wurde.

Dabei hätte es auch anders kommen können: Die Castingshow „Popstars“ funkte kurzzeitig dazwischen. Popstar wollte Iris Marie werden, und wenn das nicht klappte, Opernsängerin, und wenn das nicht klappte, Konzertpianistin, und wenn das nicht klappte, das ganze wieder von vorne - eröffnete sie mit zwölf, 13 Jahren der Mutter. Die das notierte, aber wohl keinen Wert auf Vollzug legte. Und die Tochter orientierte sich schließlich an anderen Vorbildern: Ihrem Vater (Tenor) und der Mezzosopranistin Sarah Connolly.

...und weiter zu Rapper
Loyle Carner und Nina Simone

Privat hört Iris Marie Sojer heute wenig Klassik, wenn dann Renaissance-Musik, meist aber eine vielseitige Auswahl moderner Musiker, zu denen neben Radiohead der Rapper Loyle Carner genauso gehört wie die Jazz- und Bluessängerin Nina Simone. Beim Laufen dagegen kommt vor allem Techno zum Zuge. All das wird gestreamt und zu Playlists zusammengestellt - Platten, CDs und Abspielgeräte sind (wie gesagt) nicht mit nach Wuppertal gezogen.

Während Cello- und Klavier-Spiel sträflich vernachlässigt werden, kümmert sich die Sängerin im auftrittsfreien Lockdown um Stimme und Repertoire. Sie hat neue Arien herausgesucht, die sie mit ihrer Lehrerin übt. Die Arbeit im Opernhaus ruht: „Die Piraten von Penzance“ sind einstudiert, die Proben zu „La Traviata“ stehen für Mitte März an, könnten vielleicht tatsächlich beginnen. Denn am liebsten genießt Sojer Musik live. Auf oder vor der Bühne. Live-Musik mit ihren „Schwingungen und der Präsenz der anderen Menschen“ sei unvergleichlich: „Live ist eben live.“