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Johannes Schlottner zeigt Erinnerungen an Nazivergangenheit in Barmen

Wuppertaler Stadtführer Johannes Schlottner : „Barmen erinnert mich intensiver an die NS-Vergangenheit als Elberfeld“

Wuppertaler Stadtführer Johannes Schlottner zeigt Erinnerungen an die Nazivergangenheit in Barmen.

Barmen sei ein Stadtteil, der ihn noch intensiver an die NS-Vergangenheit erinnere als Elberfeld, sagt der Wuppertaler Stadtführer Johannes Schlottner. Am Eugen-Rappoport-Straßenschild vor einem Blumenladen bleibt er stehen und erzählt beim Rundgang mit der WZ, dass es sich bei dessen Benennung um ein „Trostpflaster“ gehandelt habe. Denn die nach der Nazigröße Julius Dorpmüller benannte Straße zwischen Klusensprung und der börse in Elberfeld sollte nach Betreiben einer Initiative nach Dr. Eugen Rappoport benannt werden, später erhielt der Straßenabschnitt aber seinen jüdischen Namen „Wolkenburg“ zurück. In Barmen wurde so ein anderer Straßenabschnitt nach dem Hals-, Nasen- und Ohren-Facharzt benannt.

Der jüdische Dr. Eugen Rappoport wurde im Juli 1942 mit seiner Frau Elsa  ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und ermordet. Der in Elberfeld geborene Julius Dorpmüller dagegen war eine Nazi-Größe, von 1926 bis 1945 Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn, mit deren Zügen die Deportationen von Juden und anderen Verfolgten in den Tod erfolgte; ab 1937 war er zusätzlich Verkehrsminister des Nazi-Regimes. In kaum 50 Metern Straße steckt ein ganzes Buch Geschichte.

„Barmen ist voller Erinnerungen an die Nazi-Zeit, seien es Straßen, Gebäude oder Gebetshäuser“, weiß Schlottner – und das schon in dem Bereich am und um den Werth. Der 62-jährige erfahrene Stadtführer, der hauptberuflich als Verkaufsleiter im Born-Verlag arbeitet, zeigt auf den Sophie-Scholl-Platz, das Haus der Jugend (die ehemalige Barmer Ruhmeshalle) oder neigt seinen Kopf gen Boden in Richtung der eingelassenen Stolpersteine, die an die Opfer der Nationalsozialisten erinnern. Jedoch seien die Stolpersteine in diesem Wuppertaler Stadtteil nicht so zahlreich vorhanden wie beispielsweise in Elberfeld, und überdies weiter verteilt.

 Johannes Schlottner kniet bei den Stolpersteinen an der Höhne 31 nieder.
Johannes Schlottner kniet bei den Stolpersteinen an der Höhne 31 nieder. Foto: Fischer, Andreas H503840

Direkt an der Höhne 31 sind mehrere Stolpersteine für die Familie Mayer eingelassen, die dort zu Hause war, bevor die Nazis sie 1941 deportierten und in Lotz/Litzmannstadt ermordeten. Ein Stück weiter an der katholischen Kirche Sankt Antonius in der Bleicherstraße sind die Stolpersteine für Dr. Eugen Rappoport und Elsa Rappoport eingelassen. Die Stolpersteine für Lina S. Alexander (*1904) und Leopold Alexander (*1868) – vermutlich Vater und Tochter – in der Bleicherstraße 10 hat die Witterung angegriffen. Sie sind von den umliegenden Steinen kaum noch zu unterscheiden. Ihre Namen verblassen.

Schlottner erzählt, dass ebenso an den Mauern der Gemarker Kirche die NS-Zeit genagt hat. Das Gotteshaus ist ein Bollwerk gegen das Naziregime gewesen, mit evangelischen Pfarrern, die sich Hitlers menschenverachtende Politik widersetzten. Am 31. Mai 1934 beschloss die erste Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche die Barmer Theologische Erklärung in der Gemarker Kirche. Sie bekannte sich zu Gott und der Bibel, Menschlichkeit und Würde. In Sichtachse zur Kirche, zwischen der Adolf-Röder-Gasse und dem Werth, steht die Statue der Bildhauerin Ulle Hees. Sie zeigt eine Menschenmenge, die den rechten Arm zum Hitlergruß ausstreckt; hinter ihren Rücken sind die Gläubigen, die den Gruß verweigern, in der Bibel lesen und sich gegenseitig Schutz und Trost spenden. „Die Aussage ist, dass damals eine Minorität erklärte, nur dem eigenen Gewissen und Gott gegenüber verantwortlich zu sein, und nicht den Fürsten der Welt zuzujubeln“, erklärt Schlottner. Er betont, dass es wichtig sei, die Erinnerungskultur auf dem Boden zu würdigen, „aber ebenso die auf Schulterhöhe“. Wie ein Rahmen erstreckt sich da die Geschichte in die heutige Zeit, als die Gemarker Kirche beschlossen hat, einen Teil ihres Terrains für den Bau der Bergischen Synagoge (die alte wurde 1938 zerstört) abzugegeben.

 Um das Straßenschild von Dr. Eugen Rappoport wurde seinerzeit im Stadtrat heftig debattiert.
Um das Straßenschild von Dr. Eugen Rappoport wurde seinerzeit im Stadtrat heftig debattiert. Foto: Martin Lindner

 „Gott sei Dank musste ich die NS-Zeit nicht miterleben“, sagt Schlottner nachdenklich. Er erzählt von seinem Vater, der als Jugendlicher von den Nazis „verheizt“ wurde und vom Krieg eine schwere Wunde am Fuß davongetragen hat. Sein Großvater, der Bahnhofsvorsteher in Boppard war, wurde nach Wuppertal strafversetzt, als er den Hitlergruß verweigerte. „Kriegsspuren finden sich in vielen Wuppertaler Biografien wieder“, weiß Schlottner. So sieht er es als seine Pflicht an, die Leute aufzuklären. „Da spreche ich auch für alle meine Stadtführerkollegen“, sagt er. Und spannt den Bogen zur Gegenwart: „Wir sind es den Migranten, die zu uns kommen, schuldig, eine offene Stadt zu sein. Es ist vielleicht ein bisschen Sühne, aber diese Schuld aus der Vergangenheit werden wir nie ganz bezahlen können.“