Helios: Pfleger werben Pfleger

Helios: Pfleger werben Pfleger

Der Personalnotstand auf den Stationen ist Auslöser für eine ungewöhnliche Aktion. 1000 Euro zahlt die Klinik für einen neuen Kollegen.

Wuppertal. Im Helios-Klinikum sollen Mitarbeiter neue Mitarbeiter anwerben. Mit dieser Aktion reagiert die Klinikleitung auf den Personalnotstand auf den Stationen. Das Problem betrifft nicht nur Helios: Im Mai hatten die Mitarbeiter von Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen gegen die mangelhafte Personalausstattung und die damit verbundenen Arbeitsbedingungen protestiert, die eine Flut von Überstunden nach sich ziehen.

In dieser Woche veröffentlichte die WZ einen Leserbrief, in dem den Ärzten, Schwestern und Angestellten im Haus 7 des Helios Klinikums in Barmen gedankt wurde. „Ich hatte oft die Gelegenheit zu beobachten, dass die Schwestern total überfordert waren und trotzdem die Patienten fürsorglich versorgten, teilweise auch Überstunden machten, wenn Kolleginnen krank oder im Urlaub waren. Dass zu wenig Personal da war, war in allen Abteilungen zu merken“, beschreibt WZ-Leserin Ilse Gleim zugleich die personellen Engpässe auf den Stationen.

Ein Problem, vor dem die Klinikleitung bei Helios nicht die Augen verschließt und ungewöhnliche Maßnahmen nicht scheut. 1000 Euro werden jedem Mitarbeiter für jeden neuen Mitarbeiter geboten, den er anwerben kann. 1000 Euro erhält zudem jeder neue Mitarbeiter, der auf diese Art angeworben worden ist. 500 Euro direkt bei der Einstellung, 500 Euro nach Ablauf von sechs Monaten.

Kliniksprecher Jörn Grabert bestätigt, dass mit einer gewissen Dringlichkeit eine nennenswerte Zahl neuer Mitarbeiter gesucht werde. „Wir haben eine gute Auslastung im Haus. Wir suchen vor allem Verstärkungen in den Bereichen Neurologie, Pneumologie, Intensivpflege und OP-Pflege. Hinzu kommen neuere Abteilungen wie Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Endoprothetik.“

Während das Helios-Klinikum auf eine gute Resonanz hofft, hat die Aktion im Haus selbst nicht nur Freunde gefunden. Langjährige Mitarbeiter wundern sich, dass Berufseinsteiger eine „Kopfprämie“ zur Begrüßung erhalten, während sie seit Jahren die Lasten eines ausgereizten Personalkonzeptes tragen. Mit Skepsis beobachtet die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi die Aktion. „Die Probleme bei Helios sind hausgemacht. Das Geld wäre sinnvoller in verbesserte Arbeitsbedingungen investiert“, kritisiert Silke Iffländer von Verdi. Helios habe sich mit der Auslagerung eines Kurses der Krankenpflegeschule nach Schwelm zusätzlich ein Nachwuchsproblem geschaffen.

Der zunehmende Fachkräftemangel im Gesundheitswesen ist ein generelles Problem, das nicht allein Helios betrifft. „Wer sich bei der Berufswahl nach finanziellen Aspekten richtet, der geht sicherlich nicht in die Pflege. Dazu gehört schon ein gewisser Idealismus“, sagt Iffländer. Die Politik sei ebenfalls gefordert, dieser Arbeit mit mehr Wertschätzung zu begegnen.

„Die neuen Mitarbeiter werden nach dem einheitlichen Tarifvertrag bezahlt, sie erhalten eine Zusatzversicherung und wie alle den Nichtraucher-Urlaubstag extra“, sagt Jörn Grabert. Der eine oder andere Werber und Bewerber habe sich schon gemeldet. 2009 seien 600 Vollzeitstellen besetzt gewesen. „Jetzt sind wir weit darüber“, sagt Grabert.

Nach Einschätzung der Gewerkschaft können die wachsenden Aufgaben nur mit weiteren Pflegekräften geschafft werden. „Wenn dauerhaft geeignetes Personal in ausreichender Anzahl fehlt, dann stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, die entsprechenden Stationen zu schließen“, sagt Silke Iffländer von Verdi.

Das Helios-Universitätsklinikum Wuppertal ist nach eigenen Angaben mit rund 1000 Betten das größte Krankenhaus im Bergischen Land. Jährlich werden an den Standorten Barmen und Elberfeld 50 000 Patienten stationär behandelt, rund 100 000 ambulant. 2003 übernahm der Helios Konzern die städtischen Kliniken, die kurz vor der Insolvenz standen. Helios übernahm ein Drittel der Schulden von 100 Millionen Euro und baute Personal ab. Die Stadt hat bis heute nur einen kleinen Teil der verbleibenden 66 Millionen Euro Schulden abbauen können.

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