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Gregor Gysi in Wuppertal: Wie lesen wir Friedrich Engels heute?

Diskussion : Wie lesen wir Engels heute?

Eberhard Illner und Gregor Gysi diskutierten am Sonntag auf dem Laurentiusplatz über Technik und das Ende des Kapitalismus - aus der Sicht Friedrich Engels’ und aus Sicht linker Politik.

Es war ein Treffen von Theorie und Praxis – wenn Politik als Praxis gelten kann. Ein Treffen von „Experten und Generalisten“. So sah es jedenfalls Gregor Gysi, der am Sonntagnachmittag mit Eberhard Illner zu Gast auf dem Laurentiusplatz war. Anlass war das Engelsjahr. Die Linke hatte eingeladen. 300 Gäste folgten – mehr ging nicht wegen der Corona-Regeln. Aber um die Flatterbänder und in den Cafés auf dem Platz standen und saßen weitere Gysi- oder Engels-Interessierte.

Gysi ist einer der prominentesten Vertreter der Linken, ehemaliger Parteivorsitzender, aktuell außenpolitischer Sprecher der Fraktion. Illner war viele Jahre Leiter des Historischen Zentrums. Gunhild Böth, ehemalige Fraktionsvorsitzende der Linken im Wuppertaler Rat, fragte sie zu Thesen Engels und danach, wie aktuell diese heute noch seien.

Die Rollen der beiden fasste Gysi schon früh zusammen: eben Experte und Generalist. Illner sei der Experte, der keine Kleinigkeit auslassen könne; Gysi der Generalist, der von nichts etwas wisse, aber zu allem etwas sagen könne. Das sollte beiden nicht gerecht werden, aber traf die Sache – wenn man es zugespitzt sagen wollte – schon ganz gut.

Illner kam im Studium zu Engels und Marx, leitete später des Historische Zentrum von 2008 bis 2018, Gysi begegnete Marx und Engels das erste Mal in der Schulzeit in der DDR: Die beiden Köpfe seien auf einer Wandzeitung gedruckt gewesen, mit ihren langen Haaren, verbunden mit der Frage: „Wie würde die Volkspolizei heute mit ihnen umgehen?“ Damals galten lange Haare als aufrührerisch. Gysi habe sich da in beide verliebt.

Illner erklärte die Geschichte, Gysi die Schlussfolgerungen

Es sollte sich so fortführen – Illner führte versiert durch die Geschichte der Thesen, ordnete sie in der Zeitgeschichte und dem Lebenslauf Engels’. Gysi führte teils anekdotisch aus, was er damit verbindet und wie man sie praktisch in linke Politik überführen könnte.

Die Themengebiete waren Technik, das Ende des Kapitalismus, Militarismus und die Arbeiterklasse.

Illner erklärte, dass Marx am Nutzen der Technik für die Arbeiterklasse zweifelte, Engels aber gesehen habe, dass es durch die Entwicklungen auch zu Fortschritten in kleinen Betrieben kam – zum Wohle aller. Engels sei da gedanklich beweglicher gewesen.

Gysi griff das auf und betonte, dass man es keinen Sinn mache, neue Technik aufzuhalten. Sie ersetze nicht nur Arbeitsplätze, sondern schaffe auch neue. Für die Linke bedeute das: Nicht gegen Technik kämpfen, sondern für eine gerechte Verteilung der Arbeit, für Bildungsgerechtigkeit und eine Aufwertung der Facharbeiter und der Frauen sowie eine bessere Bezahlung „systemrelevanter Berufe“. Das habe Corona deutlich gemacht. Und wenn Jobs wegfielen durch politische Maßnahmen - sei es das Ende des Kohleabbaus oder Corona-bedingte Schließungen – dann müsse der Staat eben einspringen.

So ähnlich ging es weiter beim Themenkomplex Kapitalismus, der sich „leider“ (Böth) noch nicht selbst abgeschafft hat - wie Engels es angesichts vorhersehbarer systemimmanenter Krisen prognostiziert hatte. Gysi zeigte sich pragmatisch. Er führte aus, dass man den Kapitalismus für das schätzen müsse, was er kann (Forschung, Kunst und Kultur, Effizienz) und da kritisieren, wo er keine Lösungen anbieten könne – Frieden, soziale Gerechtigkeit, Selbstverwirklichung der Menschen und Nachhaltigkeit.

Die Veranstaltung war zwei Jahre im Voraus geplant worden, erklärte Susanne Herhaus, Sprecherin des Kreisverbands der Linken – zum Engelsjahr, aber auch mit Bezug zum Wahlkampf. Und so schlug OB-Kandidat Bernhard Sander, der nach Gysis Abfahrt dessen Platz einnahm, noch kurz die Brücke zur lokalen Politik.