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Einzelkämpferin im Einzelhandel: „Man muss bekloppt sein, um immer noch weiterzumachen“

Einzelkämpferin im Einzelhandel: „Man muss bekloppt sein, um immer noch weiterzumachen“

Jutta Lücke führt seit 37 Jahren eine kleine Buchhandlung in Wuppertal. Wie kommt man gegen die Konkurrenz der Ketten und im Internet an? Ein Besuch in der Welt der inhabergeführten Fachgeschäfte im Jahr 2017.

Wuppertal. Mit einem Buchladen für Junge und Jüngste fing vor 37 Jahren alles an. An die Zusammenarbeit mit einigen Kindergärten erinnert sie sich gern. Allerdings: Die Kooperation war „schön, aber brotlos“. Zuvor hatte Jutta Lücke in der am Brögel gelegenen Frauenbuchhandlung mitgemacht. Vor ungefähr 20 Jahren erweiterte sie ihr Angebot dann auf „Kinder und Große“. Eben auch für alle Erwachsenen, die in Unterbarmen in ein gutes Buch hineinsehen wollen.

Erstaunlich: Ihr Kernpublikum ist jung geblieben. Nicht dass der eine oder andere nicht mit ihr älter geworden wäre. Aber die meisten, die ihre Taschenbücher, CDs und DVDs an der Hünefeldstraße 83 erwerben, sind — zum Teil deutlich — jünger als sie.

Was gleich auffällt, wenn man das Geschäft betritt: Man wird nicht mit Romanen, Sach- und Bilderbüchern, Kalendern und Zeitschriften erschlagen, sondern Jutta Lücke präsentiert Neuerscheinungen und Klassiker übersichtlich und ansprechend. Dem Anspruch, „alles“ anzubieten, hat sie stets widerstanden. Manch ein junger Erwachsener findet bei ihr „genau die Titel, die ich suche“, und nicht hunderttausende Angebote wie bei den großen Onlinehändlern.

Wie kommt man dazu, einen Buchladen zu führen, wo die Situation doch schon vor Jahrzehnten vom Aufkommen großer Ketten geprägt war? Sie hat ihr eigenes Geschäftsmodell und bedient außer dem Üblichen auch große und kleine Nischen wie Freunde der Natur, des Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten, von Greenpeace und „Robin Hood“. Den Machern der Utopiastadt beispielsweise fühlt sie sich verbunden. Insgesamt sind Angebot und Nachfrage „weniger politisch geworden“.

Stichwort Wuppertal: Bergische Literatur führt sie, soweit sie nachgefragt wird, etwa von Hermann Schulz und Karl Otto Mühl. Der Laden trägt sich, auch weil ein Notariat um die Ecke, karitative Einrichtungen und weitere Sympathisanten ihre Materialien und Loseblattwerke über sie beziehen, statt den bequemeren Weg übers Internet zu wählen. „Überhaupt bin ich sowohl Sozialstation als auch Buchhandlung“, sagt die nimmermüde Bibliomanin.

Und Lesungen? Klar doch, sie hat sich kürzlich an der Unterbarmer Kulturmeile beteiligt. Dass Literaten regelmäßig bei ihr auftreten, gehört ein wenig der Vergangenheit an. Aber doch: Einmal im Jahr findet eine Lesung in Zusammenarbeit mit der Aids-Hilfe statt.

Absolute Besonderheit: Es gibt einen eigenen Raum — und damit ungefähr ein Drittel der Verkaufsfläche — für das Antiquariat. Wie das? Bei Jutta Lücke war, einige Jährchen ist das her, die Situation, dass sie umziehen und sich in diesem Kontext von einigen Hundert Büchern trennen musste. Warum nicht gleich verkaufen, fragte sich die gelernte Grafikerin. „Das war sogar ein absoluter Renner, viele Studenten haben sich bei mir eingedeckt.“ Das war allerdings noch vor dem Bücherverkauf der Tafel oder in der Pauluskirche. Doch kauft sie immer noch von Privatleuten an.

20 Jahre hat die Inhaberin keinen Urlaub gemacht: „Man muss bekloppt sein, um immer noch weiterzumachen“, sagt sie, lächelt und geht auf einen Kunden zu, der gerade das Geschäft betreten hat.