Begrabt mein Herz in Wuppertal: Bei Uwe Becker liegt die Schüchternheit in der Familie

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Bei Uwe Becker liegt die Schüchternheit in der Familie

Unser Kolumnist über sein erstes ruiniertes Date und ein Treffen mit Goethe.

Ab 2021 soll Goethes „Faust I“ in Nordrhein-Westfalen nicht mehr als Pflichtlektüre für Abiturienten gelten. Da kann man mal sehen, wie schnell der Ruhm verblassen kann. An den Schulen soll Goethes Vermächtnis weiterhin zum festen Bestanteil des Deutschunterrichts gehören - ein Glück! Zur Pflichtlektüre ist statt „Faust I“ jetzt Lessings „Nathan der Weise“ auserkoren worden. Da Herr Lessing ja jetzt auch kein Anfänger war, um es mal salopp auszudrücken, ist alles auch nur halb so wild. Die anderen Werke der deutschen Literatur, die man fürs Abitur gelesen haben sollte, bleiben unverändert Kleists „Marquise von O“, E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ und Hartmut Langes „Das Haus in der Dorotheenstraße“. Alle drei oder vier Jahre sollen einzelne Werke dann ausgetauscht werden.
Ich hoffe sehr, dass mein im November erscheinendes Buch „Begrabt mein Herz in Wuppertal“ in ein paar Jahren auch zur Pflichtlektüre für das Abitur ausgewählt wird. Das klingt natürlich sehr unbescheiden, ist aber auch so gemeint. Ich kann mir gar nicht oft genug vorstellen, wie schön es wäre, wenn Schülerinnen und Schüler in Abitur-Klausuren Fragen zu meinen Prosa-Texten beantworten müssten: „Wie heißt Beckers Kolumne, in der Jesus Christus in Wuppertal wiedergeboren wird und im St.-Anna-Gymnasium später sein Abitur bestand?“ - „In der Kolumne ‚Ein trauriger Tourist‘ bestellt der Protagonist in einem Chinesischen Restaurant ein Gericht mit der Nummer 77. War es Ente oder Huhn mit acht Kostbarkeiten?“ Tja, das wären dann wundervolle Gretchenfragen.

Natürlich kommt man mit meinem Buch auch des Pudels Kern immer näher. Nun ja, wir werden es erleben. Wenn der Erscheinungstermin näher rückt, beginnen für mich aber auch wieder schwere Tage, dies möchte ich nicht verschweigen. Lesungen müssen organisiert und durchgeführt werden. Bücher signiert werden, sowie Radio- und Fernsehinterviews gegeben werden. Ich bin von Hause aus sehr introvertiert, schüchtern und bescheiden, da fallen mir öffentliche Auftritte mehr als schwer.

Kürzlich quälte mich ein Albtraum: In einer Buchhandlung sollte ich aus meinem Buch vorlesen, aber meine Kolumnen waren alle in Spiegelschrift gedruckt. Mein Versuch mit meinem Schminkspiegel alles lesen zu können scheiterte, weil er dabei zu Boden fiel und zerbrach. Die Unsicherheit, das fehlende Selbstwertgefühl und eine große Schüchternheit waren von der Pubertät an bis heute mein ständiger, angstvoller Begleiter.

Mein erstes amouröses Date mit 14 Jahren gibt hierfür ein treffendes Beispiel: Ich stellte mir vor, wie ich mit dem hübschen Mädchen im Eissalon sitzen würde, wir später Hand in Hand über die Widukindstraße spazieren gingen und ich ihr zum Abschied im Hauseingang einen unheimlich langen Zungenkuss geben würde. Aber was passierte wirklich? Ich war so nervös, dass ich ihr kaum in die Augen schauen konnte. Wir gingen los, aber ich sagte kein Wort. Irgendwann blieb ich stehen, fasste allen Mut zusammen und sagte: „Das ist mein Fußballplatz, hier spiele ich im Verein. Ich habe auch gleich Training, tschüß!“ Zu einer zweiten Begegnung kam es dann nicht.

Womit wir im Grunde wieder bei Goethe wären: Hier steh’ ich nun, ich armer Tor…“ Aber der Reihe nach: Es ist wohl so, dass die extreme Schüchternheit familiär bedingt ist. Zum Abschluss verrate ich jetzt ein kleines Familiengeheimnis, dass aber bitte unter uns bleibt. Mein im Jahre 1789 geborener Ur-Ur-Ur-Großvater Albert Friedrich Becker, der eine kleine Druckwerkstatt in Erfurt besaß, war ein großer Bewunderer von Johann Wolfgang von Goethe. Sein jahrelanges Bemühen, eine Privataudienz zu bekommen, erfüllte sich im Frühsommer 1821. Er reiste hochaufgeregt mit der Kutsche nach Weimar. Zitternd vor Ehrfurcht und mit trockener Kehle stand er in Goethes Haus und wartete in grenzenloser Demut und Bescheidenheit auf den Meister der Sprache. Als Goethe endlich vor ihm stand, bekam mein Vorfahre keinen Ton heraus. Seine Kehle schien wie zugeschnürt. Der bedeutendste Schöpfer deutschsprachiger Dichtung schaute sich dies wohl eine Weile an, drehte sich dann aber um und fragte: „Will er auch noch meine Rückseite betrachten?“ Mein Ur-Ur-Ur-Opa schwieg weiter und stand wie gelähmt da. Kurze Zeit später entfernte sich Goethe langsamen Schrittes und zwei große Flügeltüren schlossen sich hinter ihm.

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