Begrabt mein Herz in Wuppertal: Diktator Uwe Becker

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Diktator Uwe Becker

Unser Kolumnist über verlorene Prozesse.

Wie ich am Freitag in einer Fernsehsendung des WDR erfuhr, bereitet unser Stadtkämmerer Johannes Slawig einen neuen Prozess vor. Also nicht gegen die Intendantin des Tanztheaters Pina Bausch, Frau Binder - zwei verlorene Prozesse reichen ja nun auch wirklich. Nein, es geht um einen Prozess gegen die LKW-Mafia. 14 Jahre lang hatten die größten Lkw-Hersteller die Listenpreise miteinander abgesprochen. Von 1997 bis 2011. Dafür verhängte die EU-Kommission bereits eine Rekordbuße von insgesamt 3,8 Milliarden Euro. Und nun könnte es für die Hersteller noch teurer werden. Denn Spediteure und Kommunen, die in dieser Zeit LKW gekauft haben, fordern nun Schadenersatz. 30 Kommunen haben sich zu einer Sammelklage zusammengeschlossen. Ich war schon ein wenig überrascht, dass unser Kämmerer arg blass um die Nase war, obwohl er doch gerade erst aus den Ferien zurück war. Weniger überraschend war, dass er mit der Moderatorin der Lokalzeit Bergisches Land nicht über den Tanztheater-Skandal sprach. Ein Thema allerdings, dass einer ganzen Stadt seit einem guten Jahr ziemlich an die Nieren und auf die Nerven geht.

Sie erinnern sich sicher noch, dass vor Monaten mein Angebot, Geschäftsführung und Intendanz komplett zu übernehmen, in den Wind geschlagen wurde, obgleich ich mich mit einem Nettogehalt von 1500 Euro beschieden hätte. Aber ein hochbegabter Sparstrumpf wie ich hat wohl keine Chance in dieser Stadt eine Karriere im Verwaltungs- und Kulturbereich zu starten. Da die fristlose Kündigung von Frau Binder zu unrecht ausgesprochen wurde, hat man jetzt ein paar Verantwortliche zu viel, da leichtfertigerweise vor der abschließenden Klärung durch ein Gericht ein neues Führungs-Duo verpflichtet wurde.

Ich möchte nun zu der anderen Klage zurück finden: Als ich versuchte, in das recht dröge Thema des Interviews in der Lokalzeit des WDR einzutauchen - alles was mit Lastkraftwagen zu tun hat, langweilt mich sehr, sagte unser Stadtkämmerer, Johannes Slawig, diesen einen Satz, der mir sofort Tränen des Glücks und der Freude in die Augen trieb. Fünf einfache Worte, die mein Herz schneller schlagen ließen und deren Wohlklang noch heute nachwirkt: „Wir sind juristisch gut aufgestellt!“ Diese Aussage wiederholte der Stadtkämmerer gegen Ende des Interviews noch einmal in aller Deutlichkeit: „Wir sind juristisch gut aufgestellt!“ Wuppertal ist ja, wie natürlich viele andere Kommunen auch, bekannt dafür, dass sie jeden Cent mindestens dreimal umdrehen, bevor sie ihn zum Fenster hinauswirft. Wenn man bedenkt, wie katastrophal schlecht man beim Prozess gegen Frau Binder aufgestellt war, freut man sich natürlich, wenn die Stadtspitze verkünden kann, dass man gut vorbereitet vor Gericht erscheinen wird. Zur Euphorie gibt es keinen Grund, zu unappetitlich sind alle Themen und Anlässe.

Ich stelle mir gerade ein Szenario vor, bei dem der Stadtkämmerer und der Kulturdezernent vom Rat der Stadt aus ihren Ämtern gewählt würden. Einfach so, ohne Grund. Ich glaube, man muss das wohl auch nicht begründen. Bei der Abwahl des Ex-Dezernenten Panagiotis Paschalis war eine Begründung seinerzeit auch nicht erforderlich. Aber wie teuer käme uns das wieder alles? Neubesetzung der Stellen. Altersversorgung der Abgewählten. Aber eines kann ich Ihnen versichern, wenn ich der angstverbreitende und gefürchtete, oberste Richter dieser Stadt wäre, so eine Art Diktator, der mit brutaler, aber gerechter Hand, die Geschicke dieser wunderschönen Metropole des Bergischen Landes lenken würde, käme ich nach einem nur kurzen Blick auf die Affäre um das Tanztheater zu dem Ergebnis, wer, wie die Herren Slawig und Nocke, nach der klaren Niederlage im ersten Prozess siegessicher in die zweite Verhandlung geht, der wäre für mich alleine schon aus diesem Grund schuldig. Und wäre ich, wie oben angenommen, dieser harte Hund, dieser furchteinflößende, schlimme Despot, dann können sich alle hier, mit ein bisschen Fantasie, das Urteil vorstellen, dass ich über die beiden Herren verhängen würde. Und glauben Sie mir, in meinem Staats- und Rechtssystem gäbe es keine zweite Instanz oder eine Bestrafung, die zur Bewährung ausgesetzt würde. Aber zum Glück für den Stadtkämmerer und seinen Kulturdezernenten heißt der Boss der Stadt ja nicht Diktator Uwe Becker, sondern Oberbürgermeister Andreas Mucke. Zwinkersmiley!

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