Joseph Marcell: „Lear durchlebt viele Phasen“

Joseph Marcell: „Lear durchlebt viele Phasen“

Joseph Marcell, bekannt aus der TV-Sitcom „Der Prinz von Bel-Air“, zu Gast in Neuss.

Neuss. Unscheinbar sieht er aus. Freundlich und witzig. Doch kaum betritt er die Bühne und setzt zu einem Monolog aus Shakespeares King Lear an, merkt man, wie stimmgewaltig und ausdrucksstark er sein kann.

Am Dienstagabend stand der Brite Joseph Marcell, der aus der Karibik stammt, aber auch lange Zeit in den USA gelebt hat, als King Lear mit der Globe Touring Company zum ersten Mal auf der Bühne des Neusser Globetheaters.

Für ihn eine doppelte Premiere: Denn in Deutschland war er bislang noch nie. „Neuss ist ein nettes Städtchen“, sagt er freundlich. Viel Zeit bleibt ihm für die Stadtbesichtigung nicht, denn seine Theatertruppe kommt geradewegs aus Österreich. Nach zwei Tagen in Neuss geht es wieder nach England und dann nach Norwegen. Entsprechend rastlos ist der 64-Jährige.

Joseph Marcell hat schon in zahlreichen Shakespearschen Komödien und Tragödien gespielt, darunter Romeo und Julia, Othello oder im Sommernachtstraum. Über King Lear sagt er: „Es ist eine sehr anspruchsvolle Rolle, sehr schwierig darzustellen, Lear durchlebt viele Phasen. Zuerst steht er ganz oben, dann geht es mit ihm bergab, er wird verrückt und am Ende stirbt er.“

Eine große Rolle, der Marcell auf jeden Fall gewachsen ist. Schon während seiner Collegezeit studierte er Theaterwissenschaften, später belegte er an der Universität Sheffield freies Sprechen und Tanz. Offensichtlich mit großem Erfolg, denn bereits nach einem Engagement nahm ihn die berühmte Royal Shakespeare Company auf.

„Ich war jung und sehr ambitioniert. Natürlich wollte ich bei der besten Theatertruppe überhaupt sein. Auf der Bühne zu stehen und Shakespeare zu spielen, davon träumen alle Schauspieler — egal, ob in den USA oder Mosambik“, schwärmt der Schauspieler.

Dass er nicht nur eine Schublade bedient, bewies Marcell in der in den USA und auch weltweit sehr populären Sitcom „Der Prinz von Bel-Air“, in der er an der Seite des damals noch unbekannten Schauspielers Will Smith den Butler Geoffrey spielte.

Ein Agent hatte ihn damals mit der Royal Shakespeare Company auf der Bühne gesehen, und als es darum ging, die Rolle des Butlers zu besetzen, sei ihm Marcell eingefallen. Auf die Frage, ob das nicht ein krasser Gegensatz zu seinen Theaterrollen gewesen sei, winkt Marcell sofort ab. „Doch, natürlich, klar. Aber während meiner Ausbildung bin ich auf alle Rollen vorbereitet worden, egal ob Shakespeare, modernes Theater oder Fernsehen — ein guter Schauspieler muss alles meistern können.“

Außerdem sei es eine tolle, lustige Zeit gewesen. Während der sechs Jahre, in der die Sitcom produziert wurde, seien ihm die Darsteller wie eine Familie ans Herz gewachsen. „Mit Will bin ich heute noch gut befreundet“, erzählt Marcell. Seit dieser Zeit pendelt der Schauspieler zwischen Großbritannien und den Staaten hin und her. Frau und Tochter leben in England, sein Sohn inzwischen in Kalifornien.