In Meerbusch Büderich ist das Montessori-Kinderhaus mit einem ganz besonderen Konzept

Besonderer Kindergarten in Büderich : Vom Lernen mit Muscheln und Glasschnecken

Die Kinder im Montessori-Kindergarten entscheiden selbst, womit sie spielen und was sie lernen. Ein Besuch.

Die Holzregale im Montessori-Kinderhaus in Meerbusch sind bunt bestückt. Jede Menge Spielzeug türmt sich auf den Brettern: Bauklötzchen, Malsachen und allerlei Bücher und Puzzles. Doch neben dem „klassischen“ Spielzeug gibt es auch noch anderes zu entdecken. So stehen einige Kisten herum, in denen Muscheln, Glasschnecken, Murmeln und geometrische Formen sind.

Romy greift zielsicher nach einer Stoffmatte und platziert sie vor sich auf dem Boden. Dann beginnt sie, die verschiedenen Elemente auf der Matte zu platzieren. Sie kreiert ein Mandala, ein vergängliches Kunstwerk. Kein klassisches Spiel mit festgelegten Regeln und Formen. Romy kann frei spielen, ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, wie sie die verschiedenen Materialien anordnen will.

Die Spielzeuge sind Sinnesmaterialien

Dem Spielzeug und den Materialien, die in diesem Kindergarten zu finden sind, liegt eine besondere Philosophie zugrunde: Das Bildungskonzept der italienischen Pädagogin Maria Montessori. Die (Spiel-)Materialien spielen eine gewichtige Rolle. Das bekannteste Montessori-Spielzeug sind „rosa Turm“ und „braune Treppe“, bestehend aus verschieden großen, rosafarbenen beziehungsweise braunen Holzklötzen. „Es geht um das Begreifen von unterschiedlichen Größen, ganz spielerisch“, erklärt Leiterin Laura Werbitzky-Schmitz.

Montessori-Spielzeuge sind „Sinnesmaterialien“: Kleine Zylinder zum Einsetzen fördern das Verständnis von Dimensionen. Gleichzeitig wird der Drei-Finger-Griff spielerisch geübt, der wichtig ist, um einen Stift zu halten. Buchstabenkarten mit unterschiedlicher Oberflächenbeschaffenheit machen das Alphabet mit allen Sinnen erlebbar. „Be-Greifen“, an diesem Leitsatz orientiert sich die Pädagogik. „Die Beschaffenheit von Materialen spielt eine besondere Rolle“, sagt Werbitzky-Schmitz, die seit 2015 den Kindergarten leitet.

Mathe, Lesen, Größenverhältnisse – die Kinder lernen mit allen Sinnen. „Wir haben hier keine klassische Vorschule“, sagt die Leiterin, „unsere Materialien ersetzen das“. Einige Eltern bekommen dann im letzten Kindergartenjahr „Panik“, dass ihr Kind nicht gut vorbereitet in die Schulzeit gehe. „Aber wir haben keine Defizitorientierung. Wir fragen nicht, was das Kind nicht kann, sondern fokussieren darauf, was es kann.“

Und ganz wichtig: Es bleibt den Kindern selbst überlassen, wie sie ihre Zeit verbringen und womit sie spielen. „Jedes Kind hat sogenannte sensible Phasen. Das bedeutet, dass das Kind dann bereit ist, bestimmte Dinge zu lernen. Kinder suchen sich in ihrer Entwicklung die Dinge, die sie benötigen“, erklärt Werbitzky-Schmitz.

Dass jedes der 41 Kinder nach seinen eigenen Bedürfnissen leben kann, ist möglich, weil im Montessori-Haus für die Sonnengruppe (Kinder ab zwei Jahren) und die Sternengruppe (Kinder von drei bis sechs Jahren) jeweils vier Erzieher zuständig sind. „Wenn es rausgeht zum Spielen, werden in normalen Kindergärten Kinder alle schnell angezogen, damit alle die Zeit draußen nutzen können. Hier ziehen sich die Kinder selbst an. Auch wenn das Kind gar keine Zeit hat oder nur zehn Minuten – es hat eine selbstwirksame Erfahrung gemacht.“ Ein Erfolgserlebnis: Sie merken, dass sie nicht auf die „Gunst“ eines Erwachsenen angewiesen sind. Dabei werden die Kinder in allen Bereichen in ihrer Selbstständigkeit unterstützt. Wie zum Beispiel selbstständig ein Glas Wasser aus der Karaffe einzuschenken oder den Tisch zu decken.

Die Nachfrage übersteigt
das Angebot an Plätzen

Ebenfalls ein Teil des Konzepts: die „Übungen des täglichen Lebens“. Auf einem Tablett sind Knöpfe, Nadel und Faden, damit die Kinder nähen können, auch Pflanzenpflege steht auf dem Programm. Verantwortung übernehmen für sich und seine Umwelt. „Hilf mir, es selbst zu tun“, so auch das Montessori-Motto. „Mittlerweile ist der bedürfnisorientierte Weg hip“, weiß Werbitzky-Schmitz, „dabei ist das eigentlich der Normalweg“.

Die Nachfrage für einen Platz im Montessori-Kinderhaus ist sehr hoch. Zirka 150 Bewerbungen von Eltern erhält der Kindergarten jährlich. Und manchmal können nur zwei Plätze frei vergeben werden, denn Geschwisterkinder haben Vorrang.

Seit über 25 Jahren gibt es diesen besonderen Kindergarten schon, er entstand aus einer Elterninitiative heraus. Der Kindergarten ist ein Verein, die Eltern sind Vereinsmitglieder. Der Austausch mit den Eltern spielt eine wichtige Rolle in der Arbeit im Kindergarten. Einmal im Jahr ist Mitgliederversammlung. „Dann tauschen sich alle aus. Eltern können Vorschläge einbringen und wir schauen dann, ob es ins Konzept passt.“ Das Prinzip seit ein demokratisches, der Umgang miteinander wertschätzend. Das gefällt Leiterin Laura Werbitzky-Schmitz besonders.

Auch die Umwelt wird bewusst und wertschätzend wahrgenommen. Etwa das Basteln mit recycelten Materialien steht auf dem Programm. Darum ist das diesjährige Jahresmotto des Kindergartens „Umwelt“. Am heutigen Montag gehen die Vorschulkinder gemeinsam Müll sammeln. „Mal gucken, was wir alles in der Natur so finden.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung