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Schiedsmann: Er schlichtet, damit vor Gericht nicht die Fetzen fliegen

Schiedsmann: Er schlichtet, damit vor Gericht nicht die Fetzen fliegen

Eine Einigung beim Schiedsmann ist rechtlich bindend.

Willich. Die Lektüre auf Ralf Thalers Esstisch könnte spannender sein. „Nachbarschaftsrecht in Nordrhein-Westfalen“ liegt dort zum Beispiel. Ein Taschenbuch mit gelbem Einband, es sieht noch neu aus. Doch die Markierungen und Kommentare darin werden in nächster Zeit mehr werden.

Wer denkt, sein Besitzer sei ein Pedant, der vorhabe, seinen Mitmenschen mit ein bisschen Fachwissen das Leben zur Hölle zu machen, der irrt. Im Gegenteil. Thaler ist jemand, der lieber den Kompromiss sucht, als laut zu werden. Der sich zwar streiten kann, aber es nur ungern tut. Und wenn, dann möchte er am Ende mit einer Lösung dastehen. Aus diesem Grund ist er Schiedsmann geworden.

Vier dieser Ehrenamtler hat Willich. Sie vermitteln zwischen streitenden Nachbarn, wenn z.B. am Wochenende der Staubsauger zu laut ist. Sie springen ein, wenn das Gericht — in der Hoffnung einen langwierigen Prozess zu verhindern — einen Fall an sie verweist. Und sie vermitteln, wenn im Streit die Fetzen geflogen sind.

Ralf Thaler ist 50 Jahre alt, hat drei Kinder (18, 22 und 24 Jahre alt) und die klassische Karriere eines engagierten Vaters hinter sich: Klassenpflegschaft, Schulpflegschaft, Förderverein. „Ich glaube, mir ging es auch darum, eine neue Herausforderung zu suchen. Jetzt, wo unsere Kinder groß sind“, sagt er.

In der Zeitung hat er die Ausschreibung gesehen. „Ich habe anfangs gezögert und mich gefragt, ob das wirklich etwas für mich ist.“ Schließlich hörte er sich bei seinen Bekannten um. „Wenn nicht du, wer denn sonst?“, sagten sie.

Bei seiner Bewerbung fühlte Ralf Thaler sich wie früher, bevor er den Job als Teamleiter im Bereich „Technik und Service“ annahm. „Ich habe einen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben eingereicht. Und dann musste ich selbst vor dem Haupt- und Finanzausschuss erscheinen.“ Warum er diese Stelle wolle, sollte er dort erklären. „Ich wohne jetzt seit 20 Jahren in Willich und fühle mich hier sehr wohl. Jetzt möchte ich der Stadt etwas zurückgeben“, antwortete er.

Obwohl er erst vor kurzem vereidigt worden ist, hat er bereits die ersten beiden Fälle auf seinem Tisch liegen. In einem geht es um Sträucher, die auf ein Nachbargrundstück überwachsen. Im anderen um Ruhestörung und Beleidigung. „Es ist ein bisschen das, was ich erwartet habe“, sagt Thaler.

Seine Arbeit schafft Fakten. Handelt er mit den Beteiligten einen Kompromiss aus, wird dieser schriftlich festgehalten und ist vor Gericht bindend. 30 Jahre lang. „Es geht nicht um Schuld. Ich sage nicht: Du hast Recht. Sondern es geht darum, auszuloten, womit beide Seiten einverstanden wären.“

Noch ist Ralf Thaler dabei, sich einzulesen. In Kürze wird er sich dann zum ersten Mal mit zwei Parteien an einen Tisch setzen. Dafür gibt es im Rathaus sogar einen eigenen Raum. „Ich bin schon ein bisschen aufgeregt. Aber im Zweifelsfall hilft mir der gesunde Menschenverstand weiter“, sagt er.