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Willich: Riesen-Rössl liegt schon bereit

Willich : Riesen-Rössl liegt schon bereit

Die Mitglieder des Festspielvereins durften mehr als nur einen Blick hinter die Kulissen werfen.

Willich/Neersen. Da staunt sogar Ulrich Mischke: „Dass die Festspiele mittlerweile einen so großen Kostümfundus haben, hätte ich nicht gedacht“, sagt das langjährige Mitglied des Vereins Festspiele Schloss Neersen. Dieser hat seine Mitglieder zu einer ganz besonderen Besichtigungstour eingeladen: Sie dürfen einen Blick hinter die Kulissen werfen.

Willich: Riesen-Rössl liegt schon bereit

Den Auftakt der Tour gibt es nicht unweit der Freilichtbühne am Schloss Neersen, sondern im Stahlwerk Becker. Dort begrüßt Ausstatterin Silke von Patay die knapp 30-köpfige Gruppe, die von der Vereinsvorsitzenden Sabine Mroch angeführt wird, in ihrer Werkstatt. Diese befindet sich in der zweiten Spielzeit in einer Halle des Gründerzentrums an der Gießerallee.

Willich: Riesen-Rössl liegt schon bereit
Foto: WD

Farbeimer, Werkzeuge, Holzplatten, Kulissenteile — kunterbunt, aber wohlsortiert präsentiert sich Theater-Werkstatt. Eine riesige Schablone am Fußboden lässt sich klar als Vorlage fürs „Weiße Rössl“ identifizieren, das am 28. Juli bei den Festspielen Premiere feiert. Requisiten-Teile wie Brezeln im Miniformat und Kaffee-Tische mit Zuckerwürfeln aus Schaumstoff sind schon gut zu erkennen.

„Es wird am Ende nie so, wie es am Anfang auf dem Papier steht“, berichtet Silke von Patay von einem künstlerischen Entwicklungsprozess beim Entwurf von Kulissen und Kostümen. Bei letzteren kämen noch „menschliche Befindlichkeiten“ hinzu.

Gemeinsam mit zwei Mitarbeitern arbeitet die Diplom-Kostümbildnerin (49), die als 15-Jährige bei einem Schulpraktikum vom Theater-Virus „erwischt“ wurde, in der Werkstatt. Derzeit hat sie sogar Verstärkung an ihrer Seite: Ihr Ehemann, der selbst am Schauspielhaus in Hamburg arbeitet, unterstützt sie in seinen Theaterferien.

„An keinem anderen Theater kann ich so viel selbst machen wie hier“, lobt Silke von Patay die künstlerische Freiheit bei den Schlossfestspielen, denen sie seit elf Jahren die Treue hält. Schon beim Abschlussfest jeder Spielzeit sei die gedanklich mit der Vorbereitung des nächsten Jahres beschäftigt. Ihr Etat ist klein, das Wetter setzt Kostümen und Kulissen zu — darauf muss sie sich immer wieder neu einstellen. Gerne verwendet sie Kulissenteile neu, die in den vergangenen Jahren schon einmal eine Rolle spielten.

Apropos Rolle: Nächste Station der kleinen Theaterreise ist der Neersener Biedemann—saal, wo sich 13 Akteure aus dem „Weißen Rössl“ auf der Probebühne auf ihre Rollen vorbereiten. Als die Besucher eintreffen, wird gerade das berühmte Titellied „Im weißen Rössl am Wolfgangsee, dort steht das Glück vor der Tür“ einstudiert. „Wir machen das jetzt mal mit Bewegung“, kommandiert der musikalische Leiter Stephan Ohm — was Schauspieler Sven Post ein kurzes „Ach Gott“ entlockt.

Die Besucher lernen wenig später den Grund für den Seufzer kennen: Es wird nicht nur gesungen, sondern gleichzeitig eine Choreographie mit Schirmen gewagt. Auch wenn nicht immer alle wissen, in welche Richtungen man sich jetzt zu drehen hat, klappt das Ganze ganz gut — und am Ende gibt es Probenapplaus vom Kurzzeit-Publikum.

Das wird von Regieassistentin Christine Csar freundlich, aber bestimmt vor die Tür und eine Treppe höher geleitet. Dort befindet sich das Technik-Lager der Freilichtbühne sowie der bestaunte Kostümfundus. Herrenhemden, Mäntel, Blazer und Jacken hängen hier dicht an dicht — und die Motten bleiben möglichst draußen, verrät Christine Csar lächelnd.

Zum Abschluss der Tour geht’s rüber zum Schloss und die Wendeltreppe hoch zur „Motte“: In dem großen Raum oberhalb des Ratssaal sind Garderoben, Maske und die Kostümschneiderei untergebracht. Renate Dennes sitzt gerade an der Nähmaschine. Wie die Besucher erfahren, ist die Frau aus Kerken selbst Mitglied des Festspielvereins. Sie ist gelernte Schneiderin — und als bei den Festspielen jemand ausfiel, ist sie kurzfristig eingesprungen.

Nach einem Blick ins Büro von Intendant Jan Bodinus plaudert Maskenbildnerin Marion Leinders aus dem Nähkästchen: Eine Woche dauert es, bis sie die Echthaar-Perücke auf dem Kunst-Kopf vor ihr fertig geknüpft hat. Nicht verraten möchte sie allerdings, für wen das aufwendige Stück aus dem „Rössl“ gedacht ist.

Einen Tipp für den Hausgebrauch gibt’s schließlich noch von Silke von Patay: Wenn Hemd oder Bluse mal verschwitzt sind und keine Zeit für die Reinigung bleibt, hilft ein Sprühbad mit einer Wasser-Wodka-Mischung: „Keine Flecken, kein Geruch.“ Darüber staunt dann nicht nur Ulrich Mischke.