Gespräch mit dem Kempener Verleger Hans-Jürgen van der Gieth

WZ-Interview : Digitales Lernen: „Wissenschaftliche Erkenntnisse werden ignoriert“

Bei der Digitalisierung in den Schulen warnt Pädagoge und Verleger Hans-Jürgen van der Gieth im WZ-Interview vor einem viel zu schnellen Tempo und falschen Schlüssen.

„Die Digitalisierung bringt weitreichendere Veränderungen mit sich als die industrielle Revolution.“ Das sagt der Pädagoge und Verleger Hans-Jürgen van der Gieth. Mit dieser Meinung steht der Kempener, der früher Konrektor an der Realschule in Schiefbahn war, nicht alleine da. Über die Chancen, aber vor allem über die Risiken der Digitalisierung in der Schule, spricht der Inhaber des Buch Verlag Kempen (BVK) im Interview mit der WZ.

Herr van der Gieth, verfolgt man die Medien zu schulischen Themen, gewinnt man den Eindruck, dass ein Großteil der Politiker die Digitalisierung in den Schulen schnellstmöglich forcieren wollen. Gehen Sie dieses Tempo mit?

Van der Gieth: Ich habe zwar großes Verständnis dafür, dass bei diesem Thema Schnelligkeit erwartet wird. Mir geht das aber alles dennoch zu schnell und zu wenig kritisch. Und zwar mit Blick auf die Klärung der pädagogischen Fragen.

Warum?

Van der Gieth: Ich habe den Eindruck, dass in der Debatte überhaupt nicht nachgedacht, nicht reflektiert wird. Es wird nach der Digitalisierung geschrien, ohne dass die didaktischen und methodischen Anforderungen geklärt sind. Seitens der Politik habe ich den Eindruck, dass man sich über diese Fragen keine Gedanken macht. Aber die Schule war schon immer ein Spielfeld für wagemutige pädagogische Experimente. So wird eine Neuerung eingeführt, ohne dass ihre Sinnhaftigkeit überprüft, ihre Wirksamkeit nachgewiesen worden wäre. Höchst fahrlässig ist, dass dabei wissenschaftliche Erkenntnisse einfach ignoriert werden, wie dies bei der Frage nach der Digitalisierung besonders ausgeprägt ist.

Welche Erkenntnisse meinen Sie?

Van der Gieth: Es gibt tausende Studien, die belegen, dass das herkömmliche Lernen von Erfolg gekrönt ist. Um Schreiben zu lernen, sollten Kinder einen Stift in die Hand nehmen und es von einem Lehrer gezeigt bekommen. Sie sollten den Stift greifen. Denn greifen kommt von begreifen. Das gilt für die Beschäftigung mit den unterschiedlichsten Lerninhalten, aber überhaupt für die Wahrnehmung von Wirklichkeit insgesamt. Es liegt bislang weltweit keine einzige Studie vor, die belegt, dass digitale Lernmöglichkeiten irgendeine Verbesserung bringen. Im Gegenteil: Hirnforscher sagen, dass Kinder bis zu einem Alter von etwa zwölf Jahren die Abläufe bei Tablet und Co. gar nicht wirklich nachvollziehen können. Das kann das Gehirn eines Kindes nicht. Und trotz dieser Erkenntnisse gibt es sogar Kindergärten, in denen mit Tablet oder Smartphone gearbeitet wird. Man muss es so hart sagen: Das ist Blödsinn.

Kann die Nutzung von digitalen Produkten Kindern auch schaden?

Van der Gieth: Bei den unter Dreijährigen schadet jede Bildschirmerfahrung massiv. Digitale Welten sind keine realen Welten. Kinder brauchen Erfahrungen, die sie sich handelnd mit ,echten Dingen’ aneignen. Und genau dies bieten digitale Medien nicht. Sie erfordern vielmehr ein gewisses Abstraktionsvermögen, über das Kinder – wie schon gesagt – bis etwa dem zwölften Lebensjahr nicht verfügen. Nur weil Smartphones, Tablets und PCs zur täglichen Lebenswelt der Kinder gehören, tun sie ihnen nicht automatisch gut. Interessant ist zum Beispiel, dass man bei Forschungen festgestellt hat, dass das bloße Vorhandensein eines Smartphones in einem Raum die Konzentrationsfähigkeit deutlich verschlechtert. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Leistungen der Schüler in Schulen mit Handyverbot nachweislich erhöht haben. Ganz zu schweigen von den Problemen der Datensicherheit beziehungsweise des Datenmissbrauchs, den Auswirkungen der intensiven Nutzung digitaler Medien auf das Sozialverhalten, auf die Psyche der Anwender. Man denke nur an Phänomene wie Cybermobbing.

Warum schreien denn alle trotzdem nach diesen technischen Hilfsmitteln – schon in der Grundschule?

Van der Gieth: Zunächst hängt dies meines Erachtens nach von der eher diffusen Einschätzung der Lehrerinnen und Lehrer ab – so wie Eltern dies übrigens in noch höherem Maße auch haben – dass die Schüler nicht abgehängt werden dürften. Ob dabei das digitale Lernen tatsächlich erfolgreich ist, wird eher nicht in Frage gestellt. Ich denke auch, dass wirtschaftliche Interessen hinter dieser Digitalisierungs-Euphorie stecken. Die Industrie, die die Produkte herstellt, hat offenbar eine große Lobby. Dabei gibt es zum Beispiel für die Whiteboards, die bereits als Tafelersatz eingesetzt werden, gar keine ausreichenden didaktischen Materialien. Mitarbeiter unseres Verlages haben schon vor zehn Jahren mit einem Hersteller dieser Boards zusammengesessen. Das Unternehmen wollte mit uns Programme entwickeln, weil es keine Unterrichtsmaterialien gab. Und die gibt es heute immer noch nicht – zumindest nicht in wirklich brauchbarer Form.

Das klingt alles so, als wollen Sie mit den Aspekten der Digitalisierung gar nichts zu tun haben?

Van der Gieth: Nein, nein. Ich will das alles nicht verteufeln. Natürlich birgt das Thema in der Schule auch große Chancen. So ist die Frage nach dem Einsatz digitaler Medien im Unterricht ab etwa der 6. und 7. Klasse der Sekundarstufe I positiver zu beantworten. Hier können digitale Medien durchaus lernfördernd eingesetzt werden. Digitale Hilfsmittel müssen aber mit herkömmlichen Unterrichtsmethoden kombiniert werden. Man sollte den Schülern ein Thema mit Hilfe von Schreiben, Lesen, Hören und Erklären näher bringen. Und das kann man dann ohne Frage mit Bildern oder Videos auf dem Whiteboard kombinieren. Denn visualisiertes Lernen verspricht durchaus Erfolg. Aber ansonsten muss allen klar sein, dass der Lernerfolg immer noch in erster Linie mit dem Lehrer oder der Lehrerin zusammenhängt. Nur im Kontakt zum Lehrer entsteht Emotionalität. Und diese erleichtert das Lernen. Da kann eine Maschine nicht helfen.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung in der Schule denn noch?

Van der Gieth: Die größte Vereinfachung ist natürlich die Informationsbeschaffung im Internet. Das gibt es viele Möglichkeiten. Aber auch dafür braucht ein Schüler schon die Kompetenz, eine seriöse Quelle von einer unseriösen zu unterscheiden. Das können zum Beispieler Grundschüler noch nicht.

Ihr Verlag entwickelt und verkauft seit Jahrzehnten Unterrichtsmaterialien. Haben Sie denn Ideen oder auch schon Produkte, um digitale Mittel einzubinden?

Van der Gieth: Ja, da arbeiten wir an der Entwicklung. Ich kann mir vorstellen, dass digitale Hilfsmittel vor allem unterstützen können, wenn Themen fächerübergreifend vermittelt werden.

Wie meinen Sie das konkret? Haben Sie da ein Beispiel?

Van der Gieth: Nehmen wir das Thema Wasser. Das kann ich aus klassisch-naturwissenschaftlicher Sicht beleuchten. Wasser spielt aber auch in Deutsch oder Politik eine Rolle. Wie geht die Gesellschaft mit der Ressource Wasser um? Wieso macht die Industrie Geschäfte mit Wasser, obwohl ein großer Teil der Bevölkerung unter Wassermangel leidet? Solche Fragen müssen Kindern und Jugendlichen beantwortet werden. Und da gibt es sicher visuelle Möglichkeiten auf dem Whiteboard oder Tablet.

Skandinavische Länder werden ja im pädagogischen Bereich gerne als leuchtende Beispiele dargestellt. Nun gibt es in Finnland Modelle, in denen Kinder nicht mehr mit der Hand, sondern nur noch per Tastatur schreiben. Ich denke, Sie finden das grauenvoll?

Van der Gieth: Ich finde es schlichtweg schädlich. Es ist so, wie ich das kürzlich bei der Pressekonferenz zum Kempener Literaturwettbewerb ausgedrückt habe: Das Schreiben mit der Hand regt im Gehirn etwas an. Der Lerneffekt und die Gedankengänge sind dabei wesentlich intensiver als auf dem Laptop. Beim Schreiben mit der Hand mache ich mir zum Beispiel mehr Gedanken darüber, ob ich das Wort nun richtig schreibe. Am Computer habe ich ja die Entfernen-Taste – und das weiß das Gehirn.

Nutzen Sie WhatsApp? Sind Sie vielleicht auch bei Facebook?

Van der Gieth: Nein und nein. Ich habe ein Smartphone, um unterwegs im Internet arbeiten zu können. Aber diese Kommunikationsmittel sollen andere nutzen. Das ist auch völlig in Ordnung. Ich telefoniere sogar lieber als eine E-Mail zu schreiben.

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