Rat wählt Dezernent Richter ab

13 Ratsmitglieder verließen aus Protest gegen die Wahl den Saal. Dabei hätten nur wenige Stimmen das Ergebnis drehen können.

Velbert. Nach 16 Jahren im Amt hat der Rat in seiner jüngsten Sitzung den Beigeordneten Holger Richter abgewählt. Der ganze Rat? Nein. 13 Ratsmitglieder — darunter die Fraktion der Grünen, der FDP, der UVB und ein Mitglied von Velbert anders — verließen aus Protest den Saal, nachdem SPD-Parteichef Volker Münchow eine geheime Wahl beantragt hatte. Den Protestlern war offenbar klar, dass eine größere Gruppe aus dem Rat an Holger Richters Stuhl sägen wollte. Aber ahnten sie auch, dass ihre Stimmen das Zünglein an der Waage hätten sein können?

Nach der geheimen Wahl hatte Holger Richter, der sich zur Wiederwahl aufgestellt hatte, 17 Ja-Stimmen auf sich vereint, während 24 Ratsmitglieder gegen ihn votierten. 13 Zettel blieben leer. CDU-Fraktionschef Manfred Bolz wetterte gegen die Protestler: „Sie haben sich der Wahl verweigert und damit alles auf den Kopf gestellt.“ Velbert-Anders-Chef August-Friedrich Tonscheid urteilte: „Das war der Höhepunkt des Verfalls der guten Sitten. Zum Fremdschämen.“ Er habe es noch nie erlebt, dass demokratisch gewählte Vertreter den Saal verlassen und damit demjenigen schaden, über den abgestimmt wird.

Zumindest die Grünen-Fraktion hatte ihre Beweggründe klar formuliert. Auf dem Flur des Rathauses gab Fraktionschefin Esther Kanschat gegenüber der Presse ein kurzes Statement ab: „Das ist eine Farce. Alle loben Richter für seine gute Arbeit und werden ihn trotzdem gleich mit 57 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand verabschieden.“ Dabei erklärte sie auch, dass ihre Fraktion für Richter gestimmt hätte. „Aber so ein Vorgehen lehnen wir ab.“

Kanschat unterstellte offen, dass mit der koordinierten Abwahl Richters der Weg für den SPD-Mann Gerno Böll geebnet werden soll, der vor einem Jahr vom Fraktionschef zum Fachbereichsleiter wurde. Im Rat sagte sie: „Es ist unglaublich, dass wir den Dezernenten im Geheimen wählen, nur damit die SPD ihren eigenen Kandidaten ins Amt lupfen kann.“

Die Dezernentenstelle für Jugend, Familie, Soziales, Bildung, Sport und Bürgerdienste, die Richter noch bis zum 31. Mai 2017 ausüben wird, soll neu ausgeschrieben werden, dafür stimmte die Ratsmehrheit. FDP und Grüne wollten die Stelle eigentlich direkt ganz einsparen. Kanschat: „Hier in Velbert wird es keinen Unterschied machen.“

Bürgermeister Dirk Lukrafka, der sich bis dahin zurückgehalten hatte, hakte bei solchen Überlegungen der kleinen Fraktionen ein: „Das ist ein Dezernat mit mehr als 400 Personen.“ Es sei unverantwortlich, diese Stelle unbesetzt zu lassen. „Es ist völlig absurd, darüber nachzudenken.“

Holger Richter ließ während der emotionsgeladenen Diskussion immer wieder den Blick auf den Tisch sinken. Gestern sagte er der WZ: „Ich wollte auf jeden Fall weitermachen. Aber: Es handelte sich um eine demokratische Wahl und das Ergebnis akzeptiere ich so.“ Ob er überrascht wurde? „Nach zwei Amtsperioden ist so etwas nicht ausgeschlossen“, gab sich Richter gefasst.