Caritas verliert die Flüchtlingsbetreuung der Stadt Haan

Haan : Haan entscheidet sich gegen Caritas

Seit elf Jahren begleitet die Caritas in Haan Geflüchtete und verhilft Obdachlosen zu einer Unterkunft. Damit ist jetzt Schluss. Die Firma European Homecare hat den Zuschlag erhalten. Bei den Betroffenen herrscht Entsetzen über die Entscheidung.

In der Stadt Haan wird es zum Jahresbeginn 2020 einen radikalen Kurswechsel in Sachen Flüchtlingsbetreuung und Wohnungslosenhilfe geben. Das „Betreuungsmanagement“, das wie zuvor schon die Flüchtlingsberatung seit elf Jahren in den bewährten Händen des Caritasverbandes lag, soll künftig an das Essener Unternehmen European Homecare gehen. Haans Bürgermeisterin Bettina Warnecke und Sozialamtsleiter Michael Schneider bestätigten gestern, dass das Unternehmen bei der Ausschreibung das günstigste Angebot ab­gegeben habe.

In Flüchtlingskreisen, aber auch bei zahlreichen Ehrenamtlichen hat die Nachricht blankes Entsetzen ausgelöst. Denn European Homecare steht seit Monaten im Mammutprozess um misshandelte Flüchtlinge in einer Notunterkunft im siegerländischen Burbach in der
Diskussion.

Hiobsbotschaften über die Firma gab es kürzlich aus Ratingen

In der Aufnahmeeinrichtung des Landes sollen über Monate hinweg Flüchtlinge eingesperrt, gedemütigt und gequält worden sein. Unter anderem sollen sie bei Hausordnungsverstößen in ein „Problemzimmer“ gesperrt worden sein. Fotos und eine Videoaufzeichnung hatten die Schikanen im Herbst 2014 ans Licht gebracht und weltweit für Entsetzen gesorgt. Auf Ermittlerseite sprach man von Zuständen, die man sonst nur aus Guantanamo kennt.

Das Hauptverfahren hatte Ende 2018 begonnen. Es gab seitdem bisher zehn Verurteilungen. Der frühere Heimleiter hatte eine Bewährungsstrafe von 15 Monaten erhalten Jetzt soll dasselbe Unternehmen für die Flüchtlings- und Obdachlosen-Betreuung in Haan ­zuständig sein.

Caritas-Bereichsleiter Thomas Rasch bestätigt den Anbieterwechsel: „Ja, das stimmt“, sagte er. „Wir haben ein gutes Angebot gemacht und wurden offenbar dennoch unterboten.“ Dass man nun gewachsene Strukturen ebenso aufgeben müsse wie stabile Netzwerke und vor allem auch intensive Beziehungen zu Flüchtlingen und denjenigen, die von der Wohnungslosenhilfe begleitet wurden – das alles sei aus seiner Sicht vor allem auch für die Betroffenen eine schwierige Situation. „Aber wir sind nun mal kein Discounter“, stellt Rasch klar, dass man an Tarifverträge gebunden sei und mit Dumpingpreisen nicht mithalten könne.

Die wiederum wurden European Homecare in der Vergangenheit des Öfteren vorgeworfen. Das Unternehmen hatte bereits vor Jahren deutschlandweit und auch in Österreich den Betrieb von Flüchtlingsunterkünften übernommen – und dort zuvor soziale Träger mit niedrigen Tagespauschalen aus dem Geschäft gedrängt. Das scheint jedoch längst nicht mehr so gut zu laufen wie noch vor drei Jahren, als Städte in Not geraten waren, weil es vielerorts an Unterbringungs­möglichkeiten mangelte.

Damals hatte sich das gemeinnützige Recherchezentrum „correktiv.org“ gemeinsam mit der „ZEIT“ auf den Weg durch Deutschland gemacht, um die Frage zu beantworten: Wie viel kosten die Flüchtlinge? Damals schrieben die Autorinnen: „In Velbert wurde uns klar, wie gut es wäre, wenn der Staat einen Überblick über die Kosten hätte.“ Die Stadt im Nordkreis war damals hoch verschuldet und der dortige Sozialdezernent hatte schlaflose Nächte, weil er nicht mehr wusste, wo er die Leute noch unterbringen sollte. European Homecare erhielt den Zuschlag. Kosten für die Unterbringung: 300 000 Euro pro Monat inklusive Vollverpflegung und Bewachung für 200 Plätze. Die Autorinnen resümierten: „Hilflose Verwaltungen, das lernen wir in Velbert, sind ein idealer Verhandlungspartner für alle, die schnell viel Geld verdienen wollen.“

Hiobsbotschaften in Sachen European Homecare gab es kürzlich auch aus Ratingen: Dort hatte der private Dienstleister auffallend schlechte Bewerbungen eingereicht, was zur Folge hatte, dass das Unternehmen das Flüchtlingsheim nicht weiter betreiben durfte.

Vor einigen Wochen hatte das „Handelsblatt“ sinkende Gewinne bei Deutschlands größtem Flüchtlingsheimbetreiber gemeldet. Nun versucht man offenbar als privater sozialer Dienstleister im „Betreuungsmanagement“ Fuß zu
fassen.

Haans Bürgermeisterin Bettina Wernecke betonte auf Anfrage, European Homecare habe das günstigste Angebot abgegeben – jetzt müsse man ihnen auch die Chance lassen, es mit Leben zu erfüllen. Zudem wollen sie sich nicht der Gefahr aussetzen, bei Bevorzugung eines anderen Anbieters wegen Korruption angegriffen zu
werden.

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