Ein Mann für alle Kriminalfälle

Der Polizist Andreas Boosen in seinem Bezirk — die WZ schaute ihm einen Vormittag bei der Arbeit zu.

Krefeld. Als die Polizisten den Schulhof betreten, halten die umhertobenden Schüler kurz inne — um dann vollkommen auszuflippen. Im Nu sind die beiden Polizeihauptkommissare von einer Traube aus Kindern umgeben: Die klammern sich an ihren Beinen fest, springen an ihnen hoch und recken ihnen ihre Butterbrote entgegen, damit sie „mal abbeißen“ können. Mit vor Aufregung kieksenden Stimmen fordern sie polizeiliche Maßnahmen ein: „Kannst Du den anzeigen?“; „Kannst Du den verhaften?“

Aber Andreas Boosen und Holger Meyer sind an diesem Tag nicht in die Heinrichsschule gekommen, um Grundschüler zu verhaften. Stattdessen wollen die beiden Bezirksdienstbeamten eine Verkehrssicherheitsüberprüfung durchführen. Und so reihen sich die Viertklässler — von Boosen mit einem Trillerpfeifenpfiff etwas entschleunigt — schließlich auf, um ihre Fahrräder und Helme kontrollieren zu lassen.

„Das ist es, was mir so gut an meinem Job gefällt. Neben dem normalen Tagesgeschäft bleibt Zeit für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen“, sagt Boosen. Das Tagesgeschäft eines Bezirksdienstbeamten beschreibt er so: „Wir sind das Bindeglied zwischen Polizei und Bürgern. Statt in die 24-Stunden-Präsenz des Wach- und Wechseldienstes eingebunden zu sein, sind wir meist als Alleineinschreiter im Bezirk unterwegs.“

Und so macht sich Boosen dann auch allein auf den Weg zurück zur Bezirksdienststelle. Da der 55-Jährige in Uerdingen fast jeden kennt — die Gesetzestreuen und natürlich auch die anderen — sagt er unterwegs ständig „Hallo!“ oder „Hi!“, schüttelt Hände und bleibt manchmal für eine kurze Plauderei stehen. Dabei schleicht sich in sein Hochdeutsch eine Nuance Uerdinger Platt ein.

Aber da er keinen Spaziergang macht, sondern Streife geht, beschränkt er sich nicht auf zwangloses Geplänkel. Als ihm ein Fahrradfahrer auf der falschen Seite entgegenkommt, hebt er mit einer sehr amtlich wirkenden Geste die Hand — Kommando Stopp. „Haben Sie gerade einen längeren England-Aufenthalt hinter sich?“ Eine rhetorische Frage, die der Radler trotzdem verneint. Nach einer verlegen vorgetragenen Entschuldigungskaskade schiebt er sein Fahrrad zur nächsten Ampel. Boosen hat darauf verzichtet, die 15 Euro Bußgeld zu kassieren. „Das ist das Opportunitätsprinzip“, erklärt er. Bei kleineren Verkehrsverstößen sei eine mündliche Verwarnung meist ausreichend. „Bei Straftaten geht das natürlich nicht, die muss ich erforschen und verfolgen. Das ist dann der Strafverfolgungszwang.“

Auf Streife ist er außerdem der Wachsamkeit verpflichtet: „Ich halte Ausschau nach Leuten, die hier nicht hinpassen. Das könnten nämlich Einbrecher sein.“ Am Bahnhof Uerdingen erregt ein Mann mit dunkler Hautfarbe seine Aufmerksamkeit. „Nicht weil das ein Schwarzer ist, sondern weil das ein Schwarzer ist, den ich nicht kenne“, betont er.

Bei der Personenüberprüfung erfährt er per Funk von der Leitstelle, dass der Afrikaner wegen Leistungsbetrugs zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben ist. Er notiert sich seinen Wohnort und lässt ihn am Bahnsteig zurück. Vorher ermahnt er ihn noch auf Englisch, eine Fahrkarte zu kaufen — schließlich steht der Vorwurf des Leistungsbetrugs im Raum.

Als er in der Bezirksdienststelle am Marktplatz angekommen ist, stellt er zu dem Mann aus Guinea weitere Ermittlungen an. Die Ergebnisse, die der Computer liefert, lassen ihn leise fluchen. Gegen den Mann liegt wesentlich mehr vor als Leistungsbetrug — sieben Anzeigen wegen Drogenhandels und Waffenbesitzes findet Boosen. „Hätte ich das gewusst, hätte ich ihn durchsucht.“ Eine Chance, die er noch bekommen wird, da ist er sich sicher: „Irgendwann werde ich den schon wiedersehen. Und dann drehe ich ihn mal auf links.“

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