Serienkunst mit Köpfchen

Serienkunst mit Köpfchen

Eine neu in Krefeld angesiedelte Firma produziert Original-Gemälde als „künstlerische Deko“.

Krefeld. Der Maler, das unbekannte Wesen. Hockt im Atelier und hält zaudernd den Pinsel. Wartet auf den Musenkuss und schreitet zur Tat. Zweifelt, hadert, hält inne, lässt sich Zeit, bis seine Ideen sich auf der Leinwand widerspiegeln.

Als wollten sie all diese Klischees Lügen strafen, stehen die drei Künstlerinnen Lea Bach, Rong Kusche und Anna Berger rund um einen großen Tisch. Vor sich haben sie eine Leinwand, daneben Farben und Pinsel. Mit schnellem Strich, aber sorgfältig und konzentriert lassen sie vor sich Landschaften und abstrakte Gebilde entstehen. Nach drei bis vier Stunden ist ein Gemälde fertig, und auf einer weißen Leinwand beginnt alles von vorn.

Frank Lange, Kunsthändler

Der Kunstverlag Heselmann, der kürzlich von Kleve nach Krefeld gezogen ist, hat sich spezialisiert auf die serielle Produktion von Originalen. Verkauft werden sie in großen Möbelhäusern, aber auch in Galerien. "Wir versuchen unsere Nische irgendwo zwischen Kunst und Kommerz zu finden", erklärt Frank Lange, der das kleine Unternehmen gemeinsam mit Michael Dückers führt. "Kunst anzubieten, ist nicht unser Anspruch. Wir sprechen lieber von künstlerischer Dekoration."

Die böse Bezeichnung "Fließband-Kunst" hören Dückers und Lange dennoch nicht gerne. "Für manche Großstadt-Galeristen ist das, was mir machen, Ramsch", gibt Lange zu. "Aber wir sind immer auf der Höhe der Zeit. Unsere Künstler sind gut ausgebildet und liefern Qualität." Und das zu einem Endpreis, für den Galeristen morgens nicht mal aus dem Bett steigen: Ein Original für Wohnzimmer oder Büro bekommt man für 100 bis 300 Euro.

So unglaublich es klingt: Für den Markt, auf dem der Kunstverlag Heselmann sich bewegt, ist das schon viel. Denn die Konkurrenz sitzt in China und bietet Originale für 29 Euro. "Dort sitzen hunderte Künstler in einer Halle und malen beidhändig", sagt Lange und fügt sicherheitshalber hinzu: "Das ist kein Scherz."

Mit solchen Preisen kann das Unternehmen, das ausschließlich in Krefeld und Kleve malen lässt, nicht mithalten. Der Vorsprung vor der Billig-Konkurrenz entsteht einzig durch Kreativität, die in monatlichen Team-Sitzungen ausgelebt wird. "Wir zerbrechen uns hier unseren eigenen Kopf", betont Michael Dückers. "Die Chinesen kennen nicht den europäischen Geschmack und Stil." Sie kopieren ihn bloß - dagegen anzugehen ist wie in allen Branchen ein "Kampf gegen Windmühlen", sagt Lange.

Für Heselmann hingegen sind Urheberrechte ein großes Thema. Als Lange und Dückers für den Untergrund eines Bildes Nägel verwenden wollten, riefen sie vorsichtshalber beim berühmten Nagelkünstler Günther Uecker an und baten um Erlaubnis. "Er hat gesagt, wir sollen seinen Manager fragen", erinnert sich Lange. Der habe es dann gestattet.

Und so stehen im Lager des neuen Domizils an der Siempelkampstraße abstrakte Nagelbilder neben bunten Landschaften und hübschen Collagen. Der Krefelder Dückers und der Kempener Lange, die es nun nicht mehr so weit zur Arbeit haben, bieten die Bilder auch im Lagerverkauf an - mit 50 Prozent Rabatt. Auch Rahmungen nehmen sie in ihrer eigenen Werkstatt vor.

In einem Nebenraum produzieren derweil die drei Malerinnen in entspannter Stimmung Nachschub für das Lager. "Ich gehe hier den ganzen Tag meinem Hobby nach", sagt die gelernte Zahntechnikerin Lea Bach, die sich im Bewerbungsverfahren wie ihre beiden Kolleginnen gegen 50 Konkurrenten durchgesetzt hat. "Jedes Bild sieht ein bisschen anders aus, ich kann experimentieren und dazulernen."

Zu Hause wartet dann ein eigenes Atelier auf sie - dort hat Bach alle Zeit der Welt und malt genau das, was sie will.

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