1. NRW
  2. Krefeld
  3. Kultur

Pilotprojekt: "Film ab" für 15 Grenzgänger

Pilotprojekt : "Film ab" für 15 Grenzgänger

„Und Action“ hieß es jetzt in der alten Samtweberei: Für ein Pilotprojekt der Krefelder Lebenshilfe drehten dort geistig behinderte Darsteller.

Krefeld. Tiefenentspannt sitzt Philipp Rieger vor seinem Kaffeebecher. Während er plaudert, wuseln im Hintergrund Kameraleute, Maskenbildner und Betreuer herum. Gleich soll der 33-Jährige in den Räumen der ehemaligen Samtweberei vor der Kamera stehen. Aber Aufregung? Quatsch, wieso denn? An seinem Schauspieltalent lässt Philipp Rieger keine Zweifel: „Ich bin sehr lustig und talentiert“, sagt er und, „ich finde es gut, hier mit meinen Freunden zusammen zu arbeiten!“

Dass es ein langer Tag wird, stört den 33-Jährigen nicht. Am Nachmittag haben seine Betreuer ihn aus der Werkstatt des Heilpädagogischen Zentrums abgeholt und zum Set gebracht. Die Dreharbeiten werden bis zum späten Abend dauern. „Das ist ein bisschen lang, aber ich halte trotzdem durch“, versichert Philipp Rieger. Der junge Mann mit Downsyndrom spielt eine der Hauptrollen in dem inklusiven Filmprojekt der Lebenshilfe Krefeld, das ein achtköpfiges Team um Produzent Nils Rottgardt in der ehemaligen Samtweberei verwirklicht.

Ein deutschlandweit einzigartiges Projekt, wie er betont: „Es gibt viele Filme, die eine Person mit Behinderung in den Fokus stellen. In unserem Film ist Behinderung überhaupt kein Thema.“ Auch wenn die 15 Darsteller alle geistig behindert sind. „Sehnsüchte, Träume und Wünsche sind doch für alle Menschen universell“, sagt Rottgardt, der hauptberuflich als Betreuer in einem Wohnhaus der Krefelder Lebenshilfe arbeitet.

Die Idee, mit genau diesen Bewohnern einen Film zu machen, sei vor rund zwei Jahren entstanden. Da war diese Frage, „was passiert eigentlich, wenn sich eine Tür zu einem Raum öffnet, in dem alles möglich ist?“ Einem Raum, in dem — ähnlich wie im Theater — alles erlaubt ist. In dem man sich auch mal anschreien darf, ganz ohne pädagogische und therapeutische Konsequenzen. Aus diesem anfänglich flüchtigen Gedanken sei schnell ein unbedingter Wunsch gewachsen: „Es war einfach unmöglich, diesen Film nicht zu machen“, erinnert sich Nils Rottgardt.

Und dabei geht es um mehr, denn: „Kaum jemand, der nicht täglich mit diesen Menschen zu tun hat, kann einschätzen, was in ihrem Leben passiert.“ Der Film soll das ändern, Zuschauern Einblicke in die Lebenswirklichkeit und Gedankenwelt der Bewohner — Menschen mit psychischen oder motorischen Störungen, mit Downsyndrom oder Autismus — bieten. So wie in die von Sabrina: In einem rotglitzernden Paillettenkleid und schwarzen Gummistiefeln steht die junge Frau, eine feenartige Gestalt, fast bewegungslos in einem kargen, kalten Raum. Sie hält einen gelben Luftballon in der Hand, um sie ist es ganz still.

Dann, ganz langsam, läuft Sabrina ein paar Schritte auf den Kameramann zu. Traum oder Wirklichkeit? „Der Film ist befreit von jeglichen dramaturgischen Maßstäben“, erklärt Produzent Nils Rottgardt. Man wolle den Darstellern bewusst kein Drehbuch überstülpen, die Geschichte habe sich eben so entwickelt. Es geht um Wut und Rache, um unerfüllte Liebe. Stoff aus einer Seifenoper — oder aus der griechischen Mythologie.

Daher stammt auch die Hauptfigur: Hephaistos, der Sohn von Hera und Zeus. Über eben den will Hauptdarsteller Philipp Rieger einen Film drehen — doch der Antrag den er dafür beim Amt stellen muss wird abgelehnt. Genau wie die der anderen Antragssteller, die mit ihm dort sitzen und warten. Und warten. Und warten. . . Dazwischen verschwimmt die Realität immer wieder mit Traumsequenzen, erklärt Nils Rottgardt. In Sabrinas Szene etwa gehe es darum, „in ihre Welt zu tauchen, ihr Tempo zu fühlen“, ihre entschleunigten Bewegungen, diese winzigen Schritte zu erleben.

Für die Autistin sind es riesengroße. Dass Sabrina, die eigentlich keine Berührungen erträgt, lacht, wenn ein Teamkollege vorsichtig einen Arm um sie legt, machte ihre Betreuer anfangs fassungslos. Dass ein anderer Bewohner, der sich im Alltag für seine verwaschene Aussprache schämt, plötzlich mit Fremden spricht und eine weitere Darstellerin, die sich sonst nur wenige Minuten auf ein Gesprächsthema konzentrieren kann, plötzlich zwei Stunden lang von diesem Filmprojekt erzählt — für Nils Rottgardt sind es diese verblüffenden Erfolge, die ihn in seiner Arbeit bestätigen: „Ja, sie stoßen dabei an ihre Grenzen. Und sie überschreiten sie die ganze Zeit!“

Schon deshalb könne sich niemand vorstellen, dass mit dem Ende der Dreharbeiten und des Projekts für immer Schluss ist — schon gar nicht Philipp Rieger. Er träumt schon von neuen Projekten — und hat auch ganz konkrete Vorstellungen davon: „2016 drehen wir Peter Pan, 2017 dann James Bond!“