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Düsseldorf: „Berührend, diese Bretter wieder zu betreten“

Schauspielhaus : „Berührend, diese Bretter wieder zu betreten“

Das Schauspielhaus hat anlässlich des 50. Jubiläums eine Publikation mit dem Titel „Fünfzig – Das Düsseldorfer Schauspielhaus 1970 bis 2020“ geschaffen. Die WZ durfte nun einen der Beiträge – den von Manuela Alphons – im Vorabdruck veröffentlichen. Sie stand vor 40 Jahren zum ersten Mal hier auf der Bühne.

Überrascht stelle ich fest, dass ich vor vierzig Jahren zum ersten Mal auf der Düsseldorfer Bühne stand, 1979 als Metella in Jacques Offenbachs Operette „Pariser Leben“. In dieser Rolle war ich am Schillertheater in Berlin aufgetreten, als mich der Anruf von Günther Beelitz erreichte. Er bat mich, in Düsseldorf für eine Kollegin einzuspringen. Ich kam, neugierig, auf der Suche nach einer neuen Theaterheimat, nach Jahren am Kölner Schauspiel unter Hansgünther Heyme und Roberto Ciulli, als Gast bei Ivan Nagel in Hamburg und Hans Lietzau in Berlin. Auch Roberto Ciulli kam, und wir konnten nach der Kölner Uraufführung von „Der Zyklop“ von Euripides dieses Stück mit dem Düsseldorfer Ensemble neu erarbeiten – auch hier mit Preisen und Einladungen belohnt, u.a. nach Berlin, Florenz, Belgrad. Diese Rolle als Zyklopin, als Fremde, als einäugiges Wesen war einer der schauspielerischen Grenzgänge, die diesen Beruf so einmalig machen. Nach fünfzig Jahren habe ich immer noch Herzklopfen, wenn ich daran denke!

Zwei Arbeiten, und eigentlich beste Voraussetzung zu bleiben, aber ich ging – vielleicht war es auch dem Privaten geschuldet – diesmal Richtung Frankfurt … „Das Land der Griechen mit der Seele suchend …“ Welch ein Moment, drei Jahre später wieder hier oben zu stehen mit diesem Satz, von unten vereinzelt mitgeflüstert: Da war sie, die Verbindung zu diesem Theater, diesem Publikum – „Iphigenie“ von Goethe in der Inszenierung von Volker Hesse, der mich als Zyklop gesehen hatte, mich in Frankfurt anrief und mir die Rolle anbot, und der für mich in dieser Zeit einer der wichtigen Regisseure wurde. Ich war angekommen!

Nun begannen dreizehn aufregende Jahre mit Erfolgen, Misserfolgen, Schönem und Schmerzlichem – ein Theaterleben eben. Angekommen in einem wunderbar lebendigen Ensemble, in dem alle Generationen bis hin zu Mariechen Alex und Heinrich Ortmayr, hochbetagt beide, auftraten. Dank dieses Ensembles wurde das Schauspielhaus zum Theater des Jahres „geadelt“.

Der Spielbetrieb kam fast zum Erliegen, als beinahe das gesamte Ensemble im Mai 1984 für ein dreiwöchiges Gastspiel unter Anleitung von Günther Beelitz nach Russland zog. Tallinn, Leningrad, Moskau. Ein Riesentross, auch mit Vertretern aus Stadt und Land, war da durch die damalige UdSSR unterwegs. Ein Abenteuer in vielerlei Hinsicht: Als Alkmene in „Amphitryon“ erntete ich viele unerwartete Lacher, die ich allerdings dem Humor des russischen Synchronübersetzers zu verdanken hatte. Das Erlebnis, nach dem Auftritt in warme Tücher gehüllt und anschließend zur Bühne zurückgeführt zu werden, kann vielleicht ein Gefühl davon vermitteln, welche Ehrfurcht vor dem Theater ich auf dieser Gastspielreise erfahren durfte. Und die Orange, die mir eine Zuschauerin nach der Vorstellung als Dankeschön überreichte – in der Sowjetunion damals eine große Geste – war einer der großen Momente. Diese Gastfreundschaft, diese Begeisterung war mit nichts bis dahin Erlebtem vergleichbar – außer vielleicht mit der außergewöhnlichen Gefühlslage unserer einwöchigen Reise 1986 nach Israel mit einem Kurt-Tucholsky-Programm. Die Tränen und die Freude, die Erschütterung mancher Überlebender des Holocaust, für die es die Wiederbegegnung mit ihrer verlorenen Sprache und Kultur war, ließen mich begreifen, wie wichtig Kultur und Sprache für unsere Identität sind.

In diesen Jahren zwischen Rollen von Botho Strauß bis Bertolt Brecht („Der gute Mensch von Sezuan“) gab es durchaus heitere Ausflüge, z.B. als Bluessängerin ins Showbusiness bei „Einesteils, andererseits und außerdem“ von Fierstein. Der Kritiker: „Wer singt denn da?“ Günther Beelitz: „Na, die Alphons.“ Kritiker: „Ja, das seh ich, aber wer singt?“ – Da war ich doch stolz.

1986: Günther Beelitz verlässt Düsseldorf. Über Volker Canaris’ Angebot zu bleiben habe ich mich sehr gefreut, hatte ich doch eine Heimat gefunden. Meine Kinder wuchsen hier auf, ich hatte Freunde gewonnen, ich war verwurzelt in dieser Stadt, die immer schöner wurde. Ich spielte jetzt „erwachsene“ Rollen, von der Marwood in Lessings „Miss Sara Sampson“ bis „Alpenglühen“ von Peter Turrini mit Wolfi Reinbacher, dem mit mir über die Jahre verbundenen Kollegen und Freund. Trotz dieser sicher auch spannenden Theaterjahre unter Volker Canaris war es 1995 nach dreizehn Jahren in Düsseldorf Zeit für mich zu gehen. Nach Jahren der Wanderschaft zwischen den Theatern Oberhausen, Bonn, Fernsehauftritten und sechs Jahren im Bochumer Ensemble ging ich zurück in diese Stadt, die ich praktisch nie verlassen hatte. Die Stadt war mittlerweile vom hässlichen Entlein zum Schwan geworden und ich Großmutter. Aber einmal Schauspielerin, immer Schauspielerin. Bald kam das Angebot von Staffan Holm, in seiner Inszenierung „Richard III“ die Lady Margaret zu spielen. Nun im Großmutteralter angekommen, bekam ich nach der Rückkehr von Günther Beelitz die Chance, mich als Maria in „Josef und Maria“ von Turrini auch schauspielerisch als solche zu beweisen. Dieses Endspiel der Liebe darzustellen war mir ein Vergnügen – es war mir ein Vergnügen, mit der Figur auf die Suche nach dem Älterwerden und einer sich wandelnden Form von Liebe zu gehen. Dann kam der Auszug, der Abschied vom Schauspielhaus. Wehmütig dachte ich: Auf diesen Brettern, die für mich tatsächlich eine Welt bedeuteten, werde ich nie wieder stehen.

Da hatte ich aber nicht mit Wilfried Schulz gerechnet! Der – doch auch immer erhoffte – Anruf kam, ob ich in „Das Licht im Kasten“ von Elfriede Jelinek eine der sieben (textintensiven) Frauen übernehmen wolle. Diese unglaubliche Herausforderung nahm ich mutig an, und es wurde, wie ich finde, eine wunderbare Aufführung in der Inszenierung von Jan Philipp Gloger mit einem großartigen Frauenensemble. Berührend der Augenblick, diese Bretter wieder zu betreten, gemeinsam mit den Theaterkindern und -kindeskindern. Alles war wie immer – neu!