Die „Vertragspanne“ am Ballett am Rhein

Feuilletönchen – Die Kulturkolumne : Die „Vertragspanne“ beim Ballett am Rhein

Ein etwas anderer Blick auf den „Fall“ Remus Sucheană und die Konsequenzen.

Es ist ein wohl gehütetes Geheimnis, folglich weiß es die ganze Stadt. Dieser Satz, den ich irgendwann so oder so ähnlich in einem Harry-Potter-Film aus Schulleiter Dumbledores Munde gehört habe, scheint in diesem Fall, perfekt zu passen. Denn über die Sondersitzung des Aufsichtsrats der Deutschen Oper am Rhein zu dem Fall rund um den Vertrag von dem zurzeit noch amtierenden Ballettdirektor Remus Sucheană sollte Stillschweigen gewahrt werden. So hieß es zumindest bei unserer Nachfrage sowohl bei der Oper, Kulturdezernent und einzelnen weiteren Mitgliedern des Gremiums. Jemand aber hat – wie so oft – geplaudert und bis in die Details hinein, landete der Fall in der Zeitung.

Die Rheinische Post berichtete. Kurz zusammengefasst: Sucheană und Chefchoreograf Martin Schläpfer hatten eigentlich ihren Vertrag bis 2024 verlängert. Doch bekanntlich geht Schläpfer nun nach Wien. Sucheanăs Vertrag läuft indes bis zum Schluss weiter. Problem, der neue Ballettchef Demis Volpi tritt sein Amt nach der kommenden Spielzeit an; braucht wohl keinen zusätzlichen Ballettdirektor Sucheană, der Schläpfer entlasten sollte. Daher wird Sucheană, sobald Volpi sein Amt antritt, freigestellt.

Ob nun Volpi und Sucheană künstlerisch harmoniert hätten oder nicht, dürfte eine Frage sein, die sich nur anhand von Spekulationen beantworten lässt, so oder so führt diese Situation zu Folgendem: Es musste eine Lösung verhandelt werden. Diese ist nun schließlich, dass Sucheană trotz der Freistellung seine bisherige Vergütung weiter bezahlt bekommt, der Vertrag nun ein Jahr früher enden soll und nach zwei Spielzeiten nur noch eine geringere Entlohnung für ein Jahr gezahlt werde. Insgesamt könnte sich das alles am Ende auf 381 600 Euro summieren; abhängig davon, ob der Choreograf eine andere Stelle andernorts annimmt oder nicht, heißt es in dem Artikel der RP.

Eigentlich widerstrebt es mir mit jeder Faser meines Körpers in den Schlamm zu waten, der die jüngsten „Enthüllungen“ rund um den Vertrag von dem zurzeit noch amtierenden Ballettdirektor Remus Sucheană und daraus erwachsene Konsequenzen umgibt.

Wieso? Ist es nicht legitim aufzuzeigen, wenn ein Vertrag geschlossen wurde, der zu Umständen führt, dass eventuell ein Künstler zwar freigestellt wird, aber weiterhin noch sein Gehalt erhält. Ist es nicht legitim, darüber zu diskutieren, dass offensichtlich Fehler bei den Vertragsverhandlungen gemacht wurden; ist es nicht legitim, zu fragen, wie es sich um die Höhe der Honorare verhält? Es widerstrebt mir, vor allem angesichts der Fantasie-Honorare, die beispielsweise Fußballspieler bei Profi-Vereinen für ihre Tätigkeit erhalten, angesichts der teilweise mäßig hübschen Bedingungen, unter denen performative Künstler ihr Leben bestreiten müssen. Da schaut man gerne weg. Denn wenn man anfängt, Honorare von Künstlern öffentlich zu diskutieren, schürt man eine Debatte, die nur Ungutes hervorbringt. Wieso? Weil man dann Präzedenzen schafft, zukünftig alle Künstlerhonorare öffentlich zu machen. Und das führt zwangsläufig zu einem Honorardumping. Stellen Sie sich vor, ein Künstler hat ein Engagement und erhält dort x Euro. Wenn das öffentlich ist, wird er auch anderswo tendenziell nur x Euro bekommen, wenngleich seine Qualität inzwischen vielleicht so gut ist, dass ein Honorar von x mal zwei legitim wäre. Aber Verständnis für solch Überlegungen darf man leider weniger erwarten. Oder?

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