Wie sollen Kulturveranstalter mit BDS umgehen?

Antisemitismus-Debatte : Wie sollen Kulturveranstalter mit BDS umgehen?

Philipp Maiburg vom Open-Source-Musikfestival schildert die Konflikte und den Druck.

In welche Konflikte das Thema BDS die Kunst- und Kreativwirtschaft bringen kann, das wurde am Wochenende noch einmal deutlich. Bei einer Podiumsdiskussion am Rande des Düsseldorfer Musikfestivals „Open Source“ schilderte Festival-Veranstalter Philipp Maiburg eindrucksvoll, welche Folgen seine Entscheidung gehabt hat, dem Hip Hopper Talib Kweli abgesagt zu haben, der dort eigentlich am Samstag auftreten sollte.

Der New Yorker Musiker engagiert sich für BDS. Das Kürzel steht für Boycott, Divestment and Sanctions. Also für die Bewegung, die für Boykott, Kapitalabzug und Sanktionen gegen Israel eintritt. Und sich  offen gegen israelische Waren und Dienstleistungen, Künstler, Wissenschaftler und Sportler wendet.  Israel wird von der Bewegung als Apartheidsstaat gebrandmarkt. Maiburg schilderte den Druck, der durch einen Brief an ihn und die Sponsoren des Festivals ausgeübt wurde: Er solle den Künstler ausladen, andernfalls sollten die Sponsoren das Festival nicht mehr unterstützen.

Er habe dann Talib Kweli per Mail gebeten, Stellung zu nehmen zu seiner Position mit Blick auf den BDS. Dabei verwies Maiburg auch auf den Bundestagsbeschluss vom Mai, in dem die BDS-Bewegung als antisemitisch eingestuft wird. Talib Kwelis Antwort war eindeutig: „Ich würde gern in Deutschland auftreten, aber das muss ich nicht. Ich bin lieber ein anständiger Mensch und setze mich für das Richtige ein, als mich selbst zu zensieren und über BDS zu lügen.“

So kam es zu der Ausladung, deren Folgen dann aber wie eine Welle über Maiburg zusammenbrachen.  „Wir bekamen den Einfluss der Organisation zu spüren. Der BDS schrieb alle unsere Künstler an, baute Druck auf.“ Und dann gab es auch noch einen offenen Brief im britischen „Guardian“, unterschrieben von 103 Schriftstellern und Künstlern, in dem die Ausladung massiv als Verstoß gegen die Meinungsfreiheit kritisiert wurde. „Wir standen ständig mit den anderen Künstlern des Festivals in Kontakt, und ich finde es toll, dass keiner abgesagt hat“, sagte Maiburg. Trotzdem finde er es wichtig, dass ganz grundsätzlich die Frage diskutiert werde, wie denn Festivalveranstalter mit diesem Konflikt umgehen sollen.

Ist es wirklich damit getan, sich einfach hinter dem Bundestagsbeschluss zu verstecken? Diese Frage diskutierten Jakob Baier,  der gerade seine Doktorarbeit zum Thema Antisemitismus in Deutschland schreibt. Und Lea Wohl von Haselberg, eine Medienwissenschaftlerin, die zu deutsch-jüdischen Themen und Erinnerungskultur forscht. Schließlich Ben Salomo, ein Rapper, der mit der Rap-Szene nichts mehr zu tun haben will, weil sie ihm zu antisemitisch geworden sei.

Einig waren sich alle darin, dass Maiburgs Reaktion in Ordnung gewesen sei. Doch kann es generell richtig sein, dass man jeden Künstler aufgrund seiner privaten Meinungen nicht mehr engagieren darf? Muss man nicht auch differenzieren zwischen Kunst und Kunstwerk einerseits und dem Künstler als Person?

Für Jakob Baier ist die Sache klar: „Man sollte die Künstler fragen, sie können sich dann entscheiden, ob sie sich für den BDS engagieren oder die Kohle der Sponsoren haben wollen. Vor diese Wahl muss man sie stellen.“ Ben Salomo stimmte zu: „Wenn man sich nicht distanziert, wie man das ja auch bei Künstlern täte, die etwa für die Identitäre Bewegung eintreten, dann fressen sich solche Einstellungen immer mehr in die Mitte der Gesellschaft.“ Daher sei es wichtig, dass man sich klar positioniert und als Veranstalter  Background-Checks über den Hintergrund der Künstler mache. Dafür trage ein Kulturveranstalter Verantwortung.

Lea Wohl von Haselberg bezweifelte, ob man das von einem Kulturveranstalter wirklich verlangen könne, wichtig sei ein Krisenmanagement, das dann aktiv werde, wenn Entsprechendes passiere. So wie es  die Open-Source-Veranstalter taten. In dem Bundestagsbeschluss sei auch keinesfalls eine Zensur zu sehen, letztlich gehe es um Fördergelder.

Aus dem Publikum meldete sich Hamed Shahi Moghanni zu Wort, der Veranstalter des New Fall Festivals, das im Oktober in Düsseldorf stattfindet. Für Veranstalter sei es eine sehr schwierige Entscheidung, wenn man zwar einerseits wolle, dass ein Künstler, der für eine nicht gewünschte politische Richtung stehe, nicht auftrete. Andererseits man aber dann auf seine Musik verzichten müsse, für die man ihn ganz bewusst buchen wollte. Auch sei es nicht leicht, die dabei entstehenden finanziellen Folgen zu tragen. Da brauche es Unterstützung.

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