Düsseldorf: Wenn Rockmusiker durchdrehen

Asphalt Festival : Wenn Rockmusiker durchdrehen

Performancekünstlerin Miet Warlop ließ beim Asphalt-Festival drei Performer sich zu selbst produzierten Rockklängen 45 Minuten lang wie Derwische eindrucksvoll im Kreis drehen.

Drei Männer – sie stehen in einem dunklen Raum in Lichtkegeln – drehen sich unentwegt um die eigene Achse. Eine ihrer Hände ist in Farbe getüncht, wie ein Anker, ein Fixpunkt an den zur Seite gestreckten Armen, in dem nie enden wollenden Kreisel ihres Körpers. Die kleinen Schritte, die es bedarf, um den Körper um sich kreisen zu lassen, flüstern dem Publikum, das sich frei um die drei Performer sitzend und stehend positionieren durfte, einen leisen Rhythmus zu. Das Atemgeräusch der Dreher ist deutlich hörbar – sie tragen kleine Mikrophone am Gesicht.

So beginnt Miet Warlops “Ghost writer and the broken hand break”. Zugegeben ein etwas enigmatischer Titel, der doch im Grunde ein wichtiger Schlüssel zu dem sein wird, was das Publikum beim Asphalt-Festival in den Alten Farbwerken in knapp 45 Minuten erleben durfte. „The broken hand break“ – das heißt auf Deutsch: die kaputte Handbremse – zielt nicht nur auf die unaufhaltsam kreisende Bewegung der Performer, sondern auch auf die immer emotionaler werdende klangliche Performance. Denn nach langem Vorspiel, bei dem die drei zunächst Rhythmen mit Hilfe von Kontakten am eigenen Körper formten, entlädt sich diese Performance in einem veritablen alternativen Rock-Konzert. Bei dem indes die Musiker sich stetig und immerdar um die eigene Achse drehten.

Beeindruckend die Kondition, die das erfordert, erstaunlich, wie sie im Drehen eine Trommel, ein Becken und sogar eine E-Gitarre aus helfender Hand aufnehmen und schließlich bespielen können. Pieter De Meester, Wietse Tanghe und Joppe Tanghe begeben sich in diesem an sufistische Derwische erinnernden ekstatischen Drehbewegung an die Grenzen der Belastbarkeit. Wer schon einmal versucht hat im Laufen eine Zigarette anzuzünden, weiß, dass selbst das einiger Übung bedarf; aber dies im Drehen, wie einer der Performer tat, zu tun und diese auch noch trotz der physischen Belastung zu rauchen, lässt den Betrachter schon erstaunen. Aber das ist nur eine kleine Episode, die indes nicht unerwähnt bleiben soll. Viel beeindruckender ist die musikalische Performance, getragen von einer tiefgehenden Intensität sowohl klanglich als auch durch die von den Performern im Wechsel gesungenen Texte. Und hier kommt übrigens der Ghostwriter ins Spiel. Denn Raimundas Malasauskas, der Ghostwriter, wie es auf der Website der Künstlerin heißt, ist mitverantwortlich für die bisweilen tiefsinnigen, mal etwas mit Bedeutungsebenen spielenden, Texte. Er soll sie einmal gefragt haben: „What is your true matter of practice?“ (Was ist ihre wahre Praxis?); vielleicht eine von vielen Inspirationsquellen für diese so vertraut und doch so neu wirkende Performance.

Plötzlich stehen sie kurz still, ein Kulminationspunkt, ein Moment der Starre. Doch alsbald dreht sich der ewige Kreisel weiter. Ein Kreisel, sich um sich selbst drehender Kunst?