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Das zeigen jetzt die Düsseldorfer Filmkunstkinos

Neu in den Programmkinos : Sorry, we missed you: Engagiertes Kleine-Leute-Kino

Unser Kolumnist Philipp Koep beleuchtet aktuelle Filme in Düsseldorfer Programmkinos.

Sorry, we missed you

Präkariat am Rande des Nervezusammenbruchs. Seit mehr als fünf Jahrzehnten bleibt sich Ken Loach treu. Er macht engagiertes Kleine-Leute Kino ohne Sozialromantik aber mit linker Einsicht. Er schuf Klassiker des Klassen-Kinos wie „Riff Raff“, „Raining Stones“ oder „Ladybird, Ladybird“.

Das zeigen jetzt die Düsseldorfer Filmkunstkinos
Foto: Judith Michaelis

Schon vor einigen Jahren hat der 82jährige Regie-Veteran seinen Ruhestand angekündigt, aber dann zuletzt mit „Ich, Daniel Blake“ ein auf Festivals gefeiertes Comeback gefeiert. In seinem neuen Film widmet er sich nicht der Arbeiterklasse sondern der ins Präkariat abrutschenden unteren Mittelklasse.

Ricky Turner hat die Wirtschaftskrise von 2008 schwer erwischt. Nun versucht er sich als Fahrer eines Paketdienstes. Doch bald muss er erkennen, dass ihn die Scheinselbstständigkeit in den Ruin treibt. Um den Lieferwagen zu bezahlen, bittet er seine Frau, ihr Auto zu verkaufen, doch sie braucht es, um als Altenpflegerin zu arbeiten. Die beiden schuften und machen Überstunden ohne Ende, schließlich leidet das Familienleben und Sohn Seb rebelliert.

Bambi, 19 Uhr

Das Vorspiel

Ersatzkarriere. Anna Bronskys krankhafter Ehrgeiz hat bereits ihre eigene Karriere ruiniert, aufgrund ihrer psychischen Krankheit musste die Geigerin auf ein Bühnenleben verzichten. Nun musste ihr Sohn Jonas herhalten, doch er rebelliert gegen die Pläne der dominanten Mutter. Schließlich entdeckt Anna in dem Musikgymnasiasten Alexander ein Talent, dem sie nun unbedingt zum Erfolg verhelfen will. Derweil lässt sie sich auf eine Affäre mit einem Musikerkollegen ein, der ihre Profilierungssucht mit dem Plan eines Streich-Quintetts lockt. Doch Anna überfordert nicht nur sich selbst und ihre Schüler, sondern auch das Verständnis ihres Ehemannes. Unweigerlich driftet die Situation der Katastrophe entgegen. Eine eindrucksvoll spielende Nina Hoss in der Hauptrolle.

Atelier, tgl. (außer Sa.) um 16.45 Uhr

Intrige

Auf fast 60 Jahre Filmschaffen und 26 Filme kann Roman Polanski nun zurückschauen, doch sein Werk steht stets im Schatten von zwei Skandalen: dem Mord an Sharon Tate (grade noch Thema in Tarantinos „Onece Upon a Time in Hollywood“) und dem Vorwurf der Vergewaltigung in den 70er Jahren. In der Verfilmung der Dreyfuss-Affäre, der das Frankreich der Belle Epoque erschütterte, ging es um falsche Anschuldigungen, mit denen ein jüdischer Offizier aus der Armeekarriere gedrängt werden sollte. Die Artikel, die der Schriftsteller Emile Zola unter dem Titel „J´accuse“ (Ich klage an) veröffentlichte, führten schließlich zur Rehabilitation des wegen Hochverrats verurteilten Louis Dreyfuss. Ausgerechnet ein überzeugter Antisemit half der Gerechtigkeit als früher Whistleblower zum Sieg.

Spannendes Historiendrama, das wie Polanski, unter dem Schatten der Vergangenheit steht.

Bambi, Vorpremiere am Mo. um 19 Uhr (frz. OmU)

Mistyfy: Michael Hutchence

Der Name war Programm bei der australischen Band INXS, gesprochen ergab das Kürzel die Devise: in excess. So verlief auch das turbulente Leben von Frontmann Michael Hutchence, der 1997 im Alter von 37 - möglicherweise durch ein verunglücktes autoerotisches Experiment - Selbstmord beging. Doch hinter dem flamboyanten Skandal-Rocker verbirgt sich auch ein zurückhaltender Künstler. Diesen zu entdecken, dies ist zumindest die Mission dieser Dokumentation von Richard Lowenstein, der Familie und Wegbegleiter wie Kylie Minogue zu Wort kommen lässt.

Atelier, So. 12 Uhr (engl. OmU)

Little Women

Die Fallhöhe war hoch für die Indie-Regisseurin Greta Gerwig („Lady Bird“). Ausgerechnet an dem 150 Jahre alten Schwestern-Drama von Louisa May Alcott versucht sich die Filmemacherin, deren Themen bisher eher autobiographisch waren.

Für die „kleinen Frauen“ bietet sie eine ganz Riege von Hollywood-Größen auf: Saoirse Ronan, Emma Watson, Laura Dern, Meryl Streep und dann kommt da noch Florence Pugh und stiehlt den Granden die Schau.

Im kostümträchtigen Ambiente erzählt der Film die Geschichte der vier March-Schwestern, deren Streben nach Glück an den Grenzen der viktorianischen Rollenverteilung kratzt. Jo möchte Schriftstellerin werden, doch ihr Verleger will nur Geschichten, an deren Ende die Frauen verheiratet sind. Dies entspricht freilich überhaupt nicht ihrer Lebensvorstellung. Auch Amy strebt in nach Selbstverwirklichung in der Kunst und will Malerin werden. Nur Megs Herz sehnt sich nach Liebe und Familie

Cinema, tgl. 16 u. 18.45 Uhr (Di. 14.15 u. 17 Uhr), So. 18.45 Uhr im engl. OmU

Die Kunst der Nächstenliebe

Klarer Fall von Helfer-Syndrom. Isabelle meint es gut und damit nervt sie nicht nur ihre Familienangehörigen, sondern bisweilen gar diejenigen, denen ihre ganze Fürsorge der engagierten Sozialarbeiterin gilt.

Französischkurse für Einwanderer, Kleiderspenden (aus dem Schrank ihrer Töchter) oder Suppenküchen, überall fühlt sich Isabelle gebraucht. Für ihre Schützlinge richtet sie schließlich eigens eine Fahrschule ein...

Regisseur Gilles Legrand dekliniert das bürgerliche Gutmenschentum französisch-vielsagender Dialoglastigkeit und viel hektischer Hyperaktivität durch. Doch weder gesellschaftssatirisch noch sozialkomödiantisch kann die überdrehte Isabelle (Agnès Jaoui) im Multikulti-Ambiente überzeugen.

Metropol, tgl. 16.30 u. 18.45 Uhr, am Mi. um 18.45 Uhr im frz. OmU