Erinnerungen an die Philipshalle

Rückblick: Erinnerungen an die Philipshalle

Unser Kolumnist Sebastian Brück hat zuletzt über die Philipshalle geschrieben. Dabei ist eine Chronik entstanden, die an viele besondere Momente in Oberbilk erinnert: von Dietmar Schönherr bis Kraftwerk, von Heino bis Handball.

Im Februar 1972 wird die Samstagabend-Spielshow „Wünsch dir was“, moderiert von Dietmar Schönherr und seiner Frau Vivi Bach, live aus Oberbilk an die Zuschauer von ZDF, ORF und SF übertragen.

Am 10. November 1972 tritt Tina Turner (damals noch gemeinsam mit Ehemann Ike) erstmals in der Philipshalle auf, inklusive Busenblitzer.

Nur vier Tage später, am 14. November, gastieren Pink Floyd an gleicher Stelle. Der Konzertmitschnitt ist in voller Länge auf YouTube nachzuhören.

Im März 1973 bleibt einer der Container-Transporter des Rock-Trios Emerson, Lake & Palmer auf dem Weg von Kiel nach Düsseldorf mit einer Panne liegen. Das Konzert beginnt daher mit drei Stunden Verspätung – um 1 Uhr nachts.

Beim Auftritt von DAF stürmten sehr viele Fans die Bühne. ⇥Foto: Richard Gleim Foto: Richard Gleim

Im Oktober 1975 rocken The Who die Halle. Der Opener „Substitute“ sowie die 19 weiteren Songs des Konzerts sind bei YouTube als Live-Mitschnitt abzurufen.

Im April 1976 spielt David Bowie auf seiner „Isolar“-Tour in der Philipshalle. Bis heute kursiert unter Fans ein Bootleg (illegale Tonaufnahme), auf dem (fast) das komplette Konzert enthalten ist.

Im November 1977 beginnt mit einem Solo-Auftritt der US-Folk-Legende Joan Baez die Rockpalast-Geschichte der Halle: Bis heute sind in Oberbilk mehr als 100 Künstler im Rahmen von insgesamt 22 Rockpalast-Produktionen aufgetreten, darunter The Mission, Smashing Pumpkins, Van Morrison, Lemonheads, Motörhead.

Im Mai 1980 spielt Düsseldorfs erste Punkband Male, gegründet 1976, im Vorprogramm der ebenfalls 1976 gegründeten britischen Punk-Band The Clash („London calling“).

Die Toten Hosen bei einem ihrer legendären Weihnachtskonzerte (1996). ⇥Foto: dpa Foto: NN

Im September 1980 überträgt das ZDF live die Premiere der Musiksendung „Show-Express“, moderiert von Michael Schanze, musikalisch begleitet vom Orchester James Last. Gäste sind an diesem Abend unter anderem Udo Jürgens, Mireille Mathieu, Howard Carpendale. Auch die vierte von insgesamt neun Ausgaben der Show gastiert im „Schukarton“, im Juni 1981, u.a. mit Volker Lechtenbrink und Karel Gott.

Im Februar 1981 wird im ZDF live aus der Philipshalle die erste Ausgabe von „Wetten, dass ..?“ gesendet. Frank Elstner hat unter anderem Curd Jürgens und Barbara Valentin zu Gast, Engelbert sowie Hermann Prey singen. Elstner überzieht die Sendezeit um 43 Minuten.

Am 13. Juni 1981 absolvieren Kraftwerk ihr erstes Heimspiel in der Philipshalle. Im Dezember des gleichen Jahres kommen sie erneut. 2011 schreibt der Schriftsteller Peter Glaser, der 30 Jahre zuvor in Düsseldorf im Publikum war, in der NZZ, das Konzert sei für ihn ein „Erweckungserlebnis“ gewesen.

Vier Tage später, am 17. Juni 1981, steht ein vom späteren Tote Hosen-Manager Jochen Hülder organisiertes „Mini-Festival“ der Neuen Deutschen Welle auf dem Programm. Dabei sind auch zwei Bands aus Düsseldorf: die Fehlfarben (ohne Peter Hein) und DAF. Als die Deutsch Amerikanische Freundschaft ihren Hit „Der Mussolini“ spielt, stürmen so viele Fans die Bühne, dass manch einer Angst bekommt, sie könnte einstürzen.

Im Dezember 1984 präsentiert Lou Reed ausschließlich Songs seines aktuellen Albums und legt sich lautstark mit dem Publikum an, das wiederholt den 1972er Hit „Walk on the Wild Side“ fordert. Als Bierbecher auf die Bühne fliegen, bricht Reed das Konzert ab. Trotzdem kommt er in den Jahren danach immer wieder, ist Philipshallen-Stammgast (zuletzt 2007, Reed starb 2013).

Im Januar 1985 steht Düsseldorfs Heavy Metal-Ikone Doro Pesch erstmals auf der Bühne der Philipshalle, als Lead-Sängerin der Band Warlock. Im Dezember 2003 kommt sie erneut, für einen Solo-Aufritt.

Im März 1988 holt Graciano Rocchigiani gegen Vincent Boulware den Weltmeistertitel im Supermittelgewicht. Damit ist er der dritte deutsche Box-Weltmeister nach Max Schmeling und Eckhard Dagge — und der bis dahin jüngste.

Anfang Oktober 1988 gewinnt Steffi Graf kurz nach ihrem Olympiasieg in Seoul (gegen Gabriela Sabatini) in einem von RTL übertragenen Tennis-Schaukampf in der Philipshalle erneut gegen ihre argentinische Rivalin.

Im Dezember 1988 gibt ein Oberbilker Lokal-Matador in der Philipshalle ein Geburtstagskonzert: Heino, gerade 50 geworden, ist nur 650 Meter Luftlinie entfernt aufgewachsen, in der Kirchstraße 59.

Im Mai 1989 gewinnt Turu Düsseldorf in der Philipshalle in der ausverkauften Philipshalle das Hinspiel im Handball IFH-Pokal gegen Frankfurt/Oder – und legt damit den Grundstein für den späteren Titelgewinn.

Im Juni 1990 bestreitet Henry Maske im „Schuhkarton“ seinen ersten Profikampf in Deutschland — und gewinnt. In den ersten drei Jahren seiner Profikarriere boxt er nirgendwo so oft wie in der Philipshalle, erringt in neun Kämpfen neun Siege (WM-Titel im März 1993).

Im Oktober 1990 debütiert Axel Schulz als Schwergewichtsprofi und siegt gegen George Ajio. Im Jahr darauf boxt er an gleicher Stelle und bezwingt Ramon Voorn.

Im Oktober 1991 spielen Kraftwerk im Rahmen der „The Mix“-Tour ihr drittes und bis heute letztes Philipshallen-Konzert.

Im Dezember 1991 treten die aus dem Tor3 in die nächsthöhere Hallen-Liga aufgestiegenen Toten Hosen unter dem Motto: „Die große Hosen Weihnachts-Show“ zum ersten von bis heute neun Philipshallen-Heimspielen an.

Im März 1995 gibt Aschraf al-Saadat Mortezai alias Marzieh mit 71 Jahren ihr erstes Deutschland-Konzert. Im Jahr zuvor ist sie aus dem Iran nach Paris geflüchtet. In ihrer Heimat gilt sie als populärste Sängerin des Landes, hat aber seit Beginn der Mullah-Diktatur (1979) Auftrittsverbot.

Im März 1996 belagern weinende Take That-Fans die Philipshalle, aus der die 100. Ausgabe von „Wetten, dass..?“ übertragen wird. Die Boygroup singt zum letzten Mal öffentlich. Die Ironie von der Geschichte: Rund zehn Jahre später feiern Take That ihr Comeback.

Im Oktober 1998 erboxt Sven Ottke gegen den favorisierten Charles Brewer den Weltmeistertitel im Supermittelgewicht (und verteidigt ihn 1999 ebendort).

Im Juli 1999 kämpft Wladimir Klitschko zum ersten und letzten Mal in der Philipshalle und gewinnt klar gegen den Sambier Joseph Chingangu.

Im November 1999 prangt auf einer Betriebsrätekonferenz in roter Farbe der Slogan „Mannesmann — not for sale“ an der Stirnwand der Halle. Im Jahr darauf wird das Unternehmen durch Vodafone übernommen.

Im April 2010 zieht SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft bei einer Veranstaltung zur NRW-Landtagswahl zu den Klängen von „You´ll never walk alone“ in die Philipshalle ein.

Im September 2011 präsentiert sich der „Schuhkarton“ nach einem umfassenden „Facelift“ erstmals mit neuem Namen: Mitsubishi Electric Halle. Zur Eröffnung gibt Branchengröße Fritz Rau Anekdoten aus seinem Konzertveranstalterleben zum Besten.

Im Dezember 2012 erfüllt sich für die Broilers ein lang gehegter Traum: Sie stehen in der legendären Halle an der Siegburger Straße auf der Bühne. Zum krönenden Abschluss der bereits 18 Monate dauernden „Santa Muerte“-Tour kommen in der Heimatstadt der Band an zwei ausverkauften Abenden insgesamt 15 000 Fans.

Im Oktober 2014 macht Jan Delay mit seinem vierten Studioalbum Station in Oberbilk: Im Mai 2015 erscheint eine DVD, die das Konzert dokumentiert. Sie heißt – trotz des Namenswechsels der Location – „Hammer & Michel (live aus der Philipshalle)“.

Im Mai 2016 kehrt Henry Maske an seine 1990er-Wirkungsstätte zurück: Beim Gemeinschaftskonzert der ostdeutschen „Rock-Legenden“ Puhdys, City und Karat sitzt der in Brandenburg geborene Box-Weltmeister mit seiner Frau im Publikum.

Seit Januar 2017 heißt die jährliche Karnevalssitzung „Die lachende Philipshalle“, die ihren Namen trotz der Hallenumbenennung zunächst behalten durfte, nur noch „Die Lachende“, zumindest offiziell.

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