Dantons Tod in Düsseldorf: „Es entsteht ein freies Spiel der Kräfte“

Interview : Dantons Tod in Düsseldorf: „Es entsteht ein freies Spiel der Kräfte“

Wolfgang Michalek spielt die Titelrolle in Dantons Tod und erzählt, warum die Inszenierung „extrem schwierig und körperlich anstrengend“ wird.

Den Wiener Tonfall kann Wolfgang Michalek im Gespräch nicht verbergen. Und will er auch nicht. Obwohl: In seinen diversen Bühnenrollen, wie im „Fightclub“, „Don Karlos“ oder „Bilder deiner großen Liebe“ ist kaum etwas davon zu hören. Egal. Gehört zu ihm, meint der Schauspieler, der nach dem Abi Sport auf Lehramt studierte, aber nach bestandener Aufnahmeprüfung am Wiener Konservatorium ans Theater ging. Über Wien, Dresden und Stuttgart kam er nach Düsseldorf und bereitet sich gerade auf die erste Groß-Premiere der neuen Saison im Schauspielhaus am Gründgens-Platz vor. Er spielt die Titelrolle in „Dantons Tod“ – einem Drama, das Georg Büchner 1835 über die letzten zwei Wochen der Französischen Revolution verfasste. Es geht um das Frühjahr 1794 in Paris, in dem die Diktatur von Wohlfahrts-Ausschuss und Robespierre wütete und in dem selbst Revolutionäre wie Danton der Guillotine zum Opfer fielen. Kaum Verschnaufpausen während der Proben gibt es in dem Vierakter für Michalek. Dennoch hatte Düsseldorfs neuer Danton Zeit für ein Gespräch.

Sie und Regisseur Armin Petras stemmen mit „Dantons Tod“ ja einen großen Brocken. Was erwartet den Zuschauer?

Michalek: Petras verfolgt einen ausufernden Ansatz. Ohne viele Kürzungen. Ein Riesen-Tableau mit 21 Figuren entwickelt sich. In der Hauptschiene mit Georges Danton, Maximilien Robespierre, Camille Desmoulins und so weiter und den zahlreichen Nebenrollen: mit Anhängern von Robespierre (der „Bergpartei“), ‚Dantonisten’, Adligen und Proletariern. Ein freies Spiel der Kräfte entsteht – so wie in Büchners Original.

Das klingt nach einem langen Theaterabend.

Michalek (schmunzelt): Keine Prognose. Wir wissen es noch nicht; denn noch arbeiten wir daran. Es ist aber ein extrem schwieriges Stück und körperlich anstrengend. Im Zentrum steht das farbige Historiendrama über die 14 Tage, in denen sich die Ereignisse überschlagen, und der Autor für Danton Stellung bezieht. Es ist ein Tableau, in dem es auch um Liebe und Intrigen geht, und mit schillernden Figuren. Es ist die Endphase der Revolution, in der die Menschen ihre Zeit nicht mehr verstehen konnten.

Hat das mit uns heute etwas zu tun?

Michalek: Sicherlich. Wir leben in einer Zeit, in der wir die Dimensionen zum Beispiel des Klimawandels nicht erfassen und nicht wissen können, welche Auswirkungen das in zehn oder 20 Jahren für uns haben kann.

Wie steht’s mit der Sprache?

Michalek: Sie hat ein hohes Niveau, wie bei Schiller und Kleist. Wir versuchen, die Höhe von Büchners Sprache zu erden, und trotzdem darin leicht zu sein.

Wer war dieser Danton für Büchner?

Michalek: Kein verklärter Held. Aber ein kluger Kopf. Und Genussmensch, der schöne Frauen liebt und gerne isst. Und Menschen, die genießen können, sind doch beneidenswert, oder? Er war aber auch ein Kind seiner Zeit, ein Revolutionär, der aber 1794 die Radikalisierung am eigenen Leib erlebt, jeden Tag sieht, wie viele Menschen hingerichtet werden. Am Ende sehen wir einen Danton, der nicht sterben will. Er – wie auch die anderen – redet und redet, um den eigenen Kopf zu retten. Und erkennt: „Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder“.

Der Satz ist, wie vieles in dem Drama, überliefert durch historische Quellen, auf die sich Büchner berief. Haben Sie in der Vorbereitung viel darüber gelesen?

Michalek: Ja, unter anderem eine Biografie von Robespierre, Büchners Aufsatz „Über Schädelnerven“ (Anm. d. Red.: seine Probe-Vorlesung im Züricher Exil von 1836) und den Roman „Brüder“ von Hilary Mantel über die Protagonisten Danton, Robespierre und Desmoulins.

Wie hält man als Schauspieler, der mal Sport studiert hat, für solche Extrem-Rollen fit?

Michalek: Wenn es meinem Fuß nach einer Verletzung wieder besser geht, laufe ich viel. Und geh’ ins Fitnessstudio.

Wann und wie schalten Sie so richtig ab?

Michalek: Nur während der Theaterferien im Sommer. Dann bin ich sechs Wochen unterwegs. ‚Runterkommen kann ich am besten beim Fernwandern, wenn ich 20 bis 30 Kilometer pro Tag laufe. Wie jetzt im Sommer auf dem Franziskusweg. Gelaufen bin ich von Florenz bis Assisi.

Was wünschen sie sich für die Zukunft am Theater?

Michalek: Ich würde gerne mal wieder – wie bereits in Stuttgart – Regie führen.

Was vermisst der Wiener Michalek am meisten in Düsseldorf?

Michalek: Die österreichische Küche und den schwarzen Wiener Humor.

„Dantons Tod“ feiert am Freitag, 20. September, um 19.30 Uhr am Schauspielhaus (Gustaf-Gründgens-Platz) Premiere. Weitere Aufführungen am 22., 26. September, 4. und 28. Oktober. Karten und Infos unter:

dhaus.de

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