Warum es zur Schauspielhaus-Eröffnung massive Protesten gab

Theater-Geschichte : Revolution oder Protest-Happening? Schauspieler Reinbacher erinnert sich

Bei der Premiere unter Polizeischutz vor knapp 50 Jahren stand Wolfgang Reinbacher auf der Bühne. Danach sprach er sogar mit einem „Berufs-Revolutionär“.

Einer Baustelle glich das Schauspielhaus auch vor 50 Jahren. Zur Premiere von Büchners „Dantons Tod“ zur feierlichen Eröffnung des neuen Theaters am Gustaf-Gründgens-Platz war das neue Prachtstück der NRW-Landeshauptstadt noch nicht ganz fertig geworden. Fast wie heute, erinnert sich Wolfgang Reinbacher. Der heute betagte Mime brillierte im Januar 1970 als St. Just in dessen Anklagerede. Mit dem gleichen Stück wird unter der Regie von Armin Petras auch die Wiedereröffnung des Schauspielhauses gefeiert. Premiere: 20. September.

Und vor 50 Jahren? „Die Premiere stand unter keinem guten Stern“. Genauer: sie stand „unter Polizeischutz, denn Karten gab’s nur für geladene Gäste“. Gegen diese – heute unvorstellbare - Regelung hagelte es damals Proteste, so Reinbacher. Während der Premiere (Regie führte damals Hausherr Karl-Heinz Stroux) kam es zwar nicht zum Eklat auf der Bühne, „es herrschte eher beklemmende Stille“. Dafür machten auf dem Gründgens-Platz die überwiegend jungen Demonstranten ihrem Ärger lautstark Luft. Revolutionäre Tumulte draußen, „während drinnen – ebenfalls lautstark auf der Bühne – das Terror-System von Robespierre verhandelt wurde“. Es geht um die letzten Monate der Französischen Revolution, in der die Guillotine im Dauereinsatz war und selbst Revolutionsführer Danton den Tod bescherte.

Nach der Premiere wollte Reinbacher, heute Anfang 80, wissen, was draußen passierte. Und sprach mit einigen demonstrierenden Studenten. Was sie studieren, wollte er wissen. Eine Antwort sei ihm im Gedächtnis geblieben „Nix. Ich bin Berufs-Revolutionär!“ Das galt damals als schick bei den jungen Leuten, die meist zu der 68er-Generation gehörten und gegen die Kosten von 40 Millionen Mark protestierten, die der Bau damals verursachte. Zu manchen der auf Krawall Gebürsteten hat Reinbacher bis heute Kontakt. Er schmunzelt: „Aus einigen der so genannten Revoluzzer wurden dann später gut bezahlte Ärzte oder lammfromme Beamte, die die Republik schützten.“

Wolfgang Reinbacher ist heute Anfang 80. Foto: Thomas Rabsch

Der eigentliche Bühnenskandal, der Düsseldorfer Theatergeschichte schrieb, setzte bei der Generalprobe ein, erklärt Reinbacher. Ohrenbetäubende Zwischenrufe von Zuschauern, die gegen die für Lokal-Promis geschlossene Premieren-Vorstellung rebellierten. Der „Danton“-Darsteller von 1970 – Theater und Filmschauspieler Wolfgang Reichmann (1932-1991) – konterte die Proteste mit den Worten: „Sie hindern mich an der Ausübung meines Berufes.“ Genau vor Augen hat Reinbacher noch, dass auch damals Altstar Elisabeth Flickenschildt anwesend war und mit Farbbeuteln beworfen wurde. Einige stürmten die Bühne, mit Schildern „Ich bin Danton“. Sie wurden von den Technikern zurückgeschoben. Aus dem Rückblick nach einem halben Jahrhundert urteilt Reinbacher: „Das war keine Revolution, sondern ein Protest-Happening!“ Im Stil der 68er. Wenige Wochen später war von Demonstrationen keine Rede mehr.

Er selber, damals Anfang 30, nahm als St. Just in der berühmten Rede alle Energie zusammen: „Ich sprach so schnell und aggressiv, dass ich nicht gestört wurde“, erinnert sich Reinbacher. Er trug  damals ein teures Prunk-Kostüm – Hinweis auf den eitlen, modebewussten, aber revolutionären Agitator St. Just. „Nach der Generalprobe wurde es gestohlen“, so Reinbacher. Denn praktisch jeder hatte Zugang zu den Garderoben. So wurde für die Premiere in 24 Stunden ein neues, rotes Wams geschneidert. Der Dieb blieb damals unentdeckt. „Vielleicht klaute er das Kostüm für den damals bevorstehenden Karneval“, so Reinbacher.

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